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Sintezza berichtet über ihr Überleben als NS-Verfolgte vor Schülern in Mönchengladbach

Aufmerksam hörten die Schüler Rita Prigmore bei ihrem Vortrag zu. Am Ende danken ihr einige mit einer Umarmung.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 16/2014

Eine Überlebende erzählt

Die Sintezza Rita Prigmore leidet noch heute an den Folgen medizinischer Experimente durch die Nazis

Direkt nach ihrer Geburt wurden Rita Prigmore und ihre Zwillingsschwester Rolanda ihrer Mutter weggenommen. Als „Zigeuner-Kinder“ wurden sie von den Nazis für medizinische Experimente missbraucht.

Rolanda überlebte nicht. Über ihr Leben erzählte Rita Prigmore Schülern der 9. und 11. Klasse im Gymnasium an der Gartenstraße. Zum Abschied nehmen einige Schüler Rita Prigmore in den Arm und bedanken sich für ihren Vortrag. Was sie gerade gehört haben, ist erschütternd. Es ist nicht nur die Lebensgeschichte der 71-jährigen Sintezza und ihrer Familie.

Es ist auch die Geschichte der Vorfahren ihrer Schüler. Sie haben gerade aus dem Mund einer Zeitzeugin gehört, welche Verbrechen die Generation ihrer Urgroßeltern begangen hat und wie das Leiden durch die Weigerung der Aufarbeitung und Anerkennung in der Generation ihrer Großeltern fortgesetzt wurde. „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschehen ist“, betont Rita Prigmore zum Abschluss. „Aber ihr seid verantwortlich, dass es nicht mehr passiert.“ Mit „es“ meint die 71-jährige Amerikanerin die Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nazis, die grausamen Experimente, die Mediziner im Namen der Forschung an Kindern und behinderten Menschen durchgeführt haben, die Ermordung von rund 500 000 Sinti und Roma sowie der Juden in Konzentrationslagern - und den immer wieder aufkeimenden Rassismus der Gegenwart.

 

Spritzen in den Kopf und hinter die Augen gesetzt

Rita Prigmore und ihre Schwester Rolanda wurden am 3. März 1943 in Würzburg geboren. Die Nazis wollten die Schwangerschaft bei ihrer Mutter eigentlich zwangsweise abbrechen. „Aber im Krankenhaus entdeckten sie, dass meine Mutter Zwillinge erwartetete“, erzählt Prigmore. „Deshalb durfte sie die Kinder austragen.“ Direkt nach der Geburt wurden ihr die Babys weggenommen. Zwei Wochen nach der Geburt ging Ritas Mutter in die Klinik, um ihre Kinder zu sehen und musste erfahren, dass ein Baby gestorben war. Rolanda hatte die Experimente von Dr. Werner Heyde, einem Schüler des KZ-Arztes Josef Mengele, nicht überlebt.

Rita Prigmore litt ein Leben lang unter den Folgen. „Dr. Heyde hatte an uns Versuche gemacht, um zu erforschen, wie man die Augenfarbe von braun in blau verändern kann“, erzählt sie. „Deshalb bekamen wir Spritzen in den Kopf und hinter die Augen. lch habe eine Narbe hinter dem rechten Auge.“ Als Kind wusste sie nichts davon, ihre Mutter wollte sie schonen. Aber sie war immer kränklich, fiel bei Aufregung einfach in Ohnmacht und litt immer wieder unter Kopfschmerzen und Übelkeit.

Erst im Alter von 43 Jahren erfuhr sie die Wahrheit. Seitdem unterstützte Prigmore ihre Mutter bei Vorträgen über die Verfolgung der Sinti, erzählt, wie ein großer Teil ihrer Familie in Auschwitz umgekommen ist und viele Familienmitglieder zwangssterilisiert wurden. War die Zeit unter den Nationalsozialisten lebensbedrohlich für die zuvor als Korbmacher in Würzburg arbeitende Familie, hörte der Rassismus auch nach dem Krieg nicht auf. Im Alter von zehn Jahren musste Rita Prigmore erleben, dass eine Freundin plötzlich nicht mehr mit ihr spielen durfte – weil ihre Familie „Zigeuner“ sind. Ihre Anträge auf Wiedergutmachung und Schmerzendgeld wurden immer wieder abgelehnt; mal hatte sie nicht die erforderlichen Papiere, mal lag es daran, dass sie inzwischen amerikanische Staatsbürgerin war. Sechs Jahre dauerte der Kampf, den Amnesty International unterstützte. Auch das ist ein Grund, warum der 71-Jährigen die Vorträge vor Schülern so wichtig sind.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 17.04.2014

 
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