Kirche in der Region Mönchengladbach
http://kirche-in-der-region-mg.kibac.de/nachrichtenansicht?view=detail&id=f58e6620-f7af-4bea-a33e-784838b2c226
 
 
Auf der Neugeborenenstation des st.-Elisabeth-Krankenhauses Mönchengladbach kämpfen sich die Kleinsten ins Leben

Liebevoll nimmt Doris Akrase ihre Tochter Janella auf den Arm. Zusammen mit ihren beiden Brüdern ist das Mächen sechs Wochen zu früh gekommen.

Vollbild

 
 

 

Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 51/2013

Kleine Kämpfer von Anfang an

Viele Weihnachtswunder auf der Frühchenstation des Elisabeth-Krankenhauses in Mönchengladbach

Festlich beleuchtet, sehen Krippen in Kirchen und Wohnzimmern schön heimelig aus. Doch in der Realität dürfte Jesu Start ins Leben für Mutter und Kind hart gewesen sein. Auch heute gibt es Kinder, die sich erst ins Leben kämpfen müssen. Ein Besuch auf der Frühchenstation.

Stellen wir uns nur kurz die Situation vor: Eine hochschwangere Frau reist auf dem Rücken eines Esels sitzend durchs Land. Weil sie keine Unterkunft findet, muss sie in einem Stall übernachten. Direkt neben Ochs und Esel setzen die Wehen ein, und das Kind kommt. Für mitteleuropäische Verhältnisse kaum vorstellbar. Statt Arzt und Hebamme sind Fliegen und der Geruch der Nutztiere die Geburtshelfer. Statt in einem sauberen Kreißsaal liegt die Mutter in einem zugigen Bretterverschlag. Das Neugeborene muss gleich von der ersten Sekunde kämpfen, um sich keine Infektion einzufangen.

Kleine Kämpfer sind auch die Brüder Jason und Jaydon und ihre Schwester Janella. Die Drillinge sind am 29. November im Elisabeth-Krankenhaus in Mönchengladbach zur Welt gekommen, genau sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Anders als Jesus liegen die drei zwar in sauberen und warmen Bettchen, trotzdem sind die ersten Lebenswochen für das Mini-Trio und seine Mutter purer Stress. Denn die Kinder sind noch sehr empfindlich, jede Infektion kann verheerende Folgen haben. Zu Hause warten zwei Geschwister: der neunjährige Bruder und die zweijährige Schwester. „Auf die passt eine Haushaltshilfe auf, die von der Krankenkasse zu mir gekommen ist“, sagt Doris Akrase. „Dass die Drillinge Weihnachten zu Hause sind, klappt leider nicht.“ Dabei läuft der 31-Jährigen still eine Träne über die Wange.

Auch wenn Jason, Jaydon und Janella gesund sind, die Umstände rund um ihre Geburt sind nicht gerade optimal. Denn ihre Mutter wurde von den Komplikationen und der Nachricht der Drillingsgeburt überrascht. „Ich brauche eine neue Wohnung, aber wenn die Vermieter hören, dass fünf Kinder kommen, winken sie ab“, stellt die aus Ghana stammende Frau fest. Nirgendwo in der Klinik sind höchstes Glück und tiefste Verzweiflung so eng miteinander verbunden wie auf der Frühchenstation. Als Perinatal-Zentrum Level I werden hier die Risikoschwangerschaften betreut. Viele Kinder, die hier auf die Welt kommen, haben ein Geburtsgewicht unter 1500 Gramm. Nicht alle schaffen den Kampf ins Leben, wie die Sternenwand auf dem Flur zeigt. Darauf steht der Kleine Prinz auf seinem Planeten und schaut in den Sternenhimmel. Jeder Stern trägt das Foto eines verstorbenen Kindes mit den Daten seines kurzen Lebens. Das kleinste Kind war bei seiner Geburt gerade mal 360 Gramm schwer.

 

Weihnachtsbesuch von ehemaligen Frühchen

Das Hoffen und Bangen ist eine Belastung für die ganze Familie. „Wenn Mütter schon in der 24. Woche entbunden werden, dann sagen sie oft, dass sie gar nicht gemerkt hätten, dass sie schwanger waren“, berichtet Petra Kurt, Kinderkrankenschwester und Elternberaterin. Für Mütter ist so eine frühe Geburt ein Trauma. „Die Väter sehen alles oft viel rationaler“, ist Kurts Erfahrung. Dass es den Vätern aber auch schlecht gehe in dieser Situation, werde oft vergessen. An das Kind stellt das Leben mit der ersten Sekunde hohe Anforderungen. Oft stehen Operationen an, sie müssen früh alleine atmen und das Trinken lernen. Dazu kommen viele Reize, die auf den kleinen Erdenbürger einwirken. Um die Belastung so gering wie möglich zu halten, sind die Räume mit den Inkubatoren der Frühchen in der Regel abgedunkelt. „Der Mutterleib ist ein Schutzraum, wir versuchen, dem so nahe wie möglich zu kommen“, sagt Kurt.

Aber auch die Eltern finden sich in einer Situation wieder, die nur schwer zu bewältigen ist. Viele Mütter plagen Schuldgefühle und die Frage, ob sie die Frühgeburt hätten vermeiden können. Warten zu Hause Geschwisterkinder, sind die Eltern hin- und hergerissen zwischen der Sorge um das Neugeborene und den Anforderungen, auch den Geschwistern gerecht zu werden. Die spüren die Anspannung der Eltern. Da kann es dann auch passieren, dass ein Geschwisterkind wieder einnässt oder nachts im Elternbett schlafen will. Liebevolle Unterstützung aus dem privaten Umfeld ist für die betroffenen Eltern dann wichtig – aber leider nicht immer vorhanden. Ein Umstand, dem die Klinik mit einer intensiven Betreuung Rechnung trägt.

Geschwister im Alter ab drei Jahren dürfen mit ihren Eltern die Babys besuchen. Auch nach der Entlassung aus der Klinik werden die Eltern noch drei Monate betreut. Denn mit der Entlassung aus dem geschützten Raum des Krankenhauses beginnt für die Eltern der Realitätsstress. Ihre Kinder werden mit anderen Kindern verglichen, das kindliche Immunsystem kann sich noch nicht richtig gegen Infektionen wehren. Und Kinder, die vor der 30. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen sind, benötigen eine spezielle Förderung der geistigen und motorischen Entwicklung. Frühchen-Gruppen und intensive Gespräche helfen, alles zu bewältigen. Auch die weihnachtliche Dekoration der Frühchentation ist, neben den liebevoll gemalten Märchenfiguren an den Wänden, Balsam für die Seele. „Das ist auch für das Pflegeteam wichtig“, findet Petra Kurt. Denn auch an den Feiertagen müssen die 20 Kinderkrankenschwestern und die Ärzte auf alles vorbereitet sein.

Seit 21 Jahren verbringt Katja Heinrichs den Heiligen Abend auf der Station – im Spät- oder Nachtdienst. „Wir bemühen uns, es hier festlich zu machen“, sagt sie. „Wir wissen ja, dass die Situation für die Eltern ganz schlimm ist.“ Schon Tage vorher geht sie mit ihrer Kamera an die Inkubatoren und fotografiert jedes Kind mit einer Weihnachtsmütze. Als Postkarte bekommen die Eltern dann einen Weihnachtsgruß von ihrem Baby. Das Team selbst gestaltet mit kleinen Leckereien seinen Heiligabend. „Jeder bringt etwas mit und wir schenken uns gegenseitig etwas“, sagt Katja Heinrichs. So manches ehemalige Früh- chen kommt in diesen Tagen an der Hand der Eltern auf die Station, um dem Pflegeteam frohe Weihnacht zu wünschen. „Wenn man sieht, dass sie es geschafft haben, ist das richtig schön“, freut sich Petra Kurt.

 

Zitiert

"Für Mütter ist eine frühe Geburt ein Trauma, Väter sehen das rationaler."

Petra Kurt, Krankenschwester und Elternberaterin


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 20.12.2013

 
Test