Kirche in der Region Mönchengladbach
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Teilnehmende eines Projektes der Jugendarbeit in Mönchengladbach

Chorproben, Hausaufgabenbetreuung, Treffs und Ferienfreizeiten gehören zum Angebot des Jugendhauses am Martinshof. Viele Kinder und Jugendliche machen bei mehreren Angeboten mit, übernehmen auch selbst Verantwortung.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 14/2012

Bei der Jugend sparen

Der Stärkungspakt könnte in Gladbach die Jugendarbeit gefährden

Der Rat der Stadt Mönchengladbach hat beschlossen, dem vom Land NRW aufgelegten Stärkungspakt Stadtfinanzen beizutreten. Für die von Überschuldung bedrohte Stadt würde das bedeuten, dass sie bis 2020 mit einer finanziellen Hilfe von rund 307 Millionen Euro rechnen könnte.

Den Geldsegen gibt es allerdings nicht umsonst: Gleichzeitig muss die Stadt 92 Millionen Euro einsparen. Der Leiter des Jugendhauses am Martinshof fürchtet, dass dabei wichtige Zuschüsse für die Jugendarbeit gestrichen werden.

Sebastian Merkens ist ein optimistischer Mensch. In der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, die an den verschiedenen Angeboten im JaM, das Jugendhaus am Martinshof, und dem DoJoh, dem Donnerstagstreff in St. Johannes, teilnehmen, erlebt er immer wieder, dass es sich lohnt, sich um Kinder und Jugendliche zu kümmern. „In den verschiedenen Gruppen gibt es keinen Unterschied zwischen den sozialen Schichten“, sagt der Leiter des Jugendheims JaM „Hier geht es darum, eine Persönlichkeit zu entwickeln und soziales Verhalten zu erlernen.“

Weil die Kinder und Jugendlichen vieles selbst organisieren, wird ihre Phantasie angeregt und viele wachsen im Laufe der Jahre in die Rolle eines Gruppenleiters hinein. Bei Ferienspielen und Freizeitfahrten übernehmen die Älteren die Verantwortung für jüngere Teilnehmer. Dafür werden die Jugendlichen extra geschult. Alle Jugendleiter im Alter ab 16 Jahren haben die Jugendleitercard. Dafür müssen sie eine Schulung mit einem Umfang von 50 Stunden absolvieren. „Die soziale Kompetenz, die die Jugendlichen dabei lernen, geben sie an die Jüngeren weiter“, beobachtet Merkens. Durchschnittlich kommen pro Tag 25 Kinder und Jugendliche ins JaM, in den Ferien sind es auch mehr.

Der Sozialpädagoge fürchtet, dass die Angebote in den Jugendtreffs bald eingeschränkt werden. Der Grund ist der Sparzwang der Stadt. Denn wenn 92 Millionen Euro eingespart werden müssen, dann geht das nicht nur dadurch, dass die Einnahmen aus Hunde- oder Grundsteuer erhöht werden. „Es geht nur damit, dass bei den freiwilligen Leistungen gespart wird“, glaubt Sebastian Merkens. „Das bedeutet, dass es vemutlich auch die Jugendarbeit trifft.“

Zurzeit machen die städtischen Zuschüsse im JaM 40 Prozent des Gesamtbudgets aus. Für Ferienaktionen in der Stadt gibt es bis zu drei Euro pro Tag und Teilnehmer als Finanzierungszuschuss, für Aktionen außerhalb der Stadgrenzen kann mit bis zu vier Euro pro Teilnehmer und Tag gerechnet werden. Bei einem Ferienlager, das mit 10000 Euro zu Buche schlägt, betragen die öffentlichen Zuschüsse etwa 2000 Euro. „Damit können wir die Beiträge, die die Kinder für unsere Angebote zuzahlen müssen, niedrig halten“, sagt Merkens. „Wenn wir wollen, dass die Hemmschwellen wegfallen und alle mitmachen können, dann müssen die Gebühren niedrig sein.“

 

Finanzprobleme für Familien oberhalb der Fördergrenze

30 Euro pro Woche zahlt jeder Teilnehmer für die Ferienspiele. „Das ist für eine Familie sehr viel Geld“, weiß Merkens. Dabei hat er weniger die vermögenden Familien und auch nicht die Familien, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen, im Blick. „Die einen können das zahlen, für die anderen argumentiert die Stadt damit, dass die Kürzung über das Bildungspaket abgefedert wird“, sagt Merkens. Er sorgt sich um die Kinder aus Familien, deren Einkommen knapp über der Grenze für eine mögliche Förderung liegt. „Für die sind 30 Euro viel Geld. Und wenn sie dann zwei oder sogar drei Kinder zu den Ferienspielen schicken, summiert sich das schnell“, rechnet der 32-Jährige vor. Er fürchtet, dass diese Familien dann ihre Kinder nicht mehr teilnehmen lassen können. Neben den Ferienspielen stehen mit möglichen Kürzungen auch die Ferienfreizeiten, die Hausaufgabenbetreuung, das Chorangebot und die verschiedenen Treffs auf der Kippe.

Wie wichtig solche Angebote aber für Kinder und Jugendliche sind, sieht Merkens immer wieder im DoJoh, einer Initiative, die vor zehn Jahren von Ehren- amtlichen ins Leben gerufen wurde. Seit vier Jahren ist Merkens dort aktiv, 45 Kinder und Jugendliche nehmen dort regelmäßig an den Angeboten teil. „Da ist starkes sozialpädagogisches Arbeiten gefordert“, sagt Merkens. Denn die Kinder und Jugendlichen dort stehen am Rand der Gesellschaft, sie leben in finanzieller Armut, gepaart mit geringen Schulabschlüssen, mangelhaften Deutschkenntnissen und ohne Perspektiven. Ein Freizeitangebot ist in dem Stadtteil nicht vorhanden. Schulhöfe und Spielplätze werden dann zu Treffpunkten, Langeweile macht sich breit. Konflikte sind vorprogrammiert. Besonders sonntags ist die Situation für die Jugendlichen schlimm. Deshalb ist das Angebot vom Donnerstagstreff auf den Sonntag erweitert worden.

Schon jetzt werden für verschiedene Aktionen immer wieder Sponsoren geworben. „Außerdem haben wir das Glück, dass wir eine Kirchengemeinde hinter uns stehen haben“, sagt Merkens. „Für Pfadfinder zum Beispiel kann es richtig eng werden.“ Dabei versteht er nicht, warum Politiker die Arbeit in den Jugendtreffs nicht als Bildung einstufen. Beim Politischen Couchgespräch des Bunds der Deutschen Katholischen Jugend (BDJK) im November vergangenen Jahres hat Oberbürgermeister Norbert Bude die Bildung in der Schule verortet. „Wir haben mal aus Spaß eine kleine Umfrage unter Politikern der Stadt gemacht und gefragt, wer in seiner Kindheit und Jugend in solchen Gruppen engagiert war“, berichtet Merkens. „Und bis auf einen waren alle bei den Pfadfindern oder anderen Gruppen aktiv. Da verstehe ich nicht, warum sie unsere Arbeit nicht als notwendige Bildung betrachten.“

 

„Wir wollen die Jugendlichen in unserer Arbeit zum Denken anregen“

Dabei hat das Pädagogen-Team vom JaM schon eindrucksvoll bewiesen, dass sie mit ihrer Arbeit die Jugendlichen positiv beinflussen können. Als im vergangenen Jahr die Salafisten im Umfeld des JaM auf muslimische Jugendliche Einfluss gewinnen wollten, reagierte das Team sofort. Mit den Jugendlichen wurden die Werbevideos analysiert und sich mit re-thorischen Kniffen auseinandergesetzt. Die Ergebnisse wurden auf einer eigens dafür geschaffenen Internet-Plattform zur Diskussion gestellt. „Wir wollen die Jugendlichen zum Denken anregen“, sagt Merkens. Bei der Frage zur Jugendarbeit stelle sich daher die Frage, wofür die Stadt und ihre Bürger stehe.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 05.04.2012

 
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