Kirche in der Region Mönchengladbach
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In einer Sternwallfahrt pilgerten Obdachlose aus ganz Nordrhein- Westfalen zur Heiligtumsfahrt in Mönchengladbach.

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Auch Respekt gehört auf den Tisch

Beim Pilgertag der Obdachlosen stand der Umgang mit Menschen am Rand der Gesellschaft im Fokus

In einer Sternwallfahrt besuchten Obdachlose aus ganz Nordrhein-Westfalen die Heiligtumsfahrt in Mönchengladbach. Während des Gottesdienstes wurde schnell klar: Für die Menschen am Rande der Gesellschaft bedeutet ein gedeckter Tisch vor allem Respekt .

Das Frühstück und die Suppe zum Mittagessen sind natürlich hochwillkommen. Denn für die Pilger, die in Begleitung von Pfarrer Edmund Erlemann in die Münsterbasilika in Mönchengladbach einziehen, sind regelmäßige Mahlzeiten keine Selbstverständlichkeit. In der Regel leben sie auf der Straße – irgendwo in Essen, Aachen, Paderborn, Dortmund, Mönchengladbach oder einer anderen
Stadt Nordrhein-Westfalens. Und doch geht es ihnen bei ihrer Wallfahrt nicht nur darum, dass der Magen gefüllt ist.

„Du deckst mir den Tisch“, das Leitwort der Heiligtumsfahrt, hat für sie eine ganz andere Bedeutung. Den Obdachlosen geht es um Respekt und Wertschätzung. Denn auch wenn sie aus den geregelten Bahnen des Lebens geschleudert wurden: Auch sie sind Menschen mit Hoffnungen und Sehnsüchten.

Das wird besonders deutlich, als einige von ihnen nach vorne gehen, um ihre ganz persönliche Tischgeschichte zu erzählen. Da wird an Adi erinnert, der schon lange verstorben ist. Obwohl er selbst obdachlos war und seine ganze Habe in ein paar Tüten passte, hatte er immer an andere gedacht.

Adi war ein Obdachloser, der anderen geholfen hat

„Adi war ein Obdachloser und ein Mensch“, sagt der Pilger. „Er hat mit mir Platte gemacht. Ich bin jetzt seit fünf Jahren trocken. Aber damals hat Adi mir seine letzten fünf Mark gegeben, weil ich einen Flattermann hatte.“ Flattermann, so werden die heftigen Entzugserscheinungen bei Alkoholikern genannt. „Einem anderen Kumpel hat Adi seinen Schlafsack gegeben“, berichtet der Pilger weiter. In diesem Augenblick wurde Adi in der  Münsterbasilika wieder lebendig.

Es sind einige Geschichten, die da im Gotteshaus buchstäblich auf den Tisch kommen: Von der Gastfreundschaft des Hirten auf der griechischen Insel Patros, der mit ganz wenig auskommt; von dem alten Mann, der schon in den Jahren zuvor zur Heiligtumsfahrt mit der Bahn angereist ist – immer ohne gültigen Fahrschein; von dem Mann, der du rch eine Räumungsklage obdachlos wurde. „Nicht nur der gedeckte Tisch ist wichtig“, sagt er. „Auch die Menschlichkeit ist wichtig, dass man sich gegenseitig hilft.“ Diese Hilfe hat viele Gesichter. Die meisten Helfer sind so bescheiden, dass sie in der Menge untergehen.

Anna Schiller gab den Armen, was sie hatte

So eine Person war Anna Schiller, nach der der Verein Wohlfahrt seine Einrichtung für wohnungslose Männer benannt hat. Grundstein dafür war das Erbe von Anna Schiller, die dem Verein 330 000 Mark vermachte, die sie selbst kurz zuvor geerbt hatte. „Sie selbst lebte in einem Verschlag, ohne fließendes Wasser“, berichtete Erlemann. Ihr Grabstein und ein Karton Briefe und Tagebücher erinnern heute im Münster an die Frau, die den Armen den Tisch so reich deckte.


Von Garnet  Manecke

Veröffentlicht am 02.07.2014

 
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