Kirche in der Region Mönchengladbach
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Mönchengladbacher Bauunternehmer rettete Engel des Künstlers Achilles Moortgaat

In seiner Skulptur hat der flämische Künstler Achilles Moortgaat den Moment festgehalten, in dem der Engel noch zögert, den Kelch zu überreichen.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 31/2015

Der schützende Engel von Rheydt

Ein Bauunternehmer bewahrte die Skulptur des Künstlers Achilles Moortgat vor der Zerstörung

Der Engel passt in die Sakramentskapelle von St. Marien Rheydt – als wäre er für diesen Standort gemacht. Doch er steht erst seit gut vier Jahren hier. Davor war er 50 Jahre in einer Scheune versteckt worden. Ein Bauunternehmer hatte ihn so für die Nachwelt gerettet.

1,70 Meter hoch, 1,60 Meter breit und rund 300 Kilo schwer ist die Holzskulptur, die die Getsemani-Szene darstellt: Ein Engel breitet seine Flügel liebevoll und schützend über einen vor ihm knieenden Mann aus. Mitfühlend schaut er in sein Gesicht, dessen Züge pure Verzweiflung zeigen. Der Mann ist Jesus, dem ein qualvoller Tod am Kreuz bestimmt ist. In seinem Gesicht ist die Angst deutlich zu lesen. Gerade hat er mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl gefeiert. Auf dem Ölberg ruft er Gott an: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Der Kelch geht nicht an ihm vorüber, Jesus wird vom Engel der Kelch des Leidens und Sterbens gereicht. Die Szene berührt das Herz. Das Holzrelief, das dennoch viel Ruhe und Trost ausstrahlt, hat eine bewegte Geschichte. Bis zu seiner großen Renovierung 1960/61 war das Werk in St. Marien beheimatet. Es war ein Geschenk der Gemeinde zum silbernen Priesterjubiläum, das der damalige Pfarrer Radermacher am 15. August 1924 feierte. Anfang der 60er Jahre sollte die Kirche „entrümpelt“ werden. Der Bauunternehmer Hans-Paul Dassen wurde beauftragt, Figuren und Altäre aus der Kirche zu entfernen. Der Engel beeindruckte ihn so sehr, dass er sich von ihm nicht trennen konnte. Statt ihn auftragsgemäß zu zerstören, lagerte Dassen das Relief kurzerhand in seiner Scheune ein.

 

Moortgaat war einer der bedeutendsten Bildhauer

Erschaffen hat das Werk der flämische Künstler Achilles Moortgat (1881–1957). Der Bildhauer und Landschaftsmaler studierte Bildhauerei und besuchte die Akademie der schönen Künste in Antwerpen. Für seine Skulptur „Orpheus“ bekam er 1909 den Prix de Rome. Ab 1914 lebte und arbeitete er in Kleve, wo er 1938 zu den Mitbegründern der Künstlergilde „Profil“ gehörte. Moortgat gilt als der bedeutendste Bildhauer am Niederrhein in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Auch der jugendliche Joseph Beuys soll ihn in den 1930er Jahren regelmäßig in seinem Klever Atelier besucht haben. Moortgats Skulpturen stehen heute noch in vielen Kirchen am Niederrhein. Dass der Engel von St. Marien in die Rheydter Kirche zurückkehrte, ist der Initiative des inzwischen verstorbenen Hans-Paul Dassen zu verdanken. Der rettete den Engel nicht nur vor der Zerstörung, sondern rief Anfang 2011 auch Pfarrer Klaus Hurtz an, um ihm die Skulptur für das Gotteshaus zurückzugeben.

 

Die Zeit scheint spurlos vorbeigegangen zu sein

Der Rheydter Restaurator Peter Buschmann säuberte das Werk liebevoll. Das Ergebnis ist beeindruckend, denn die Zeit scheint spurlos an dem Relief vorbeigegangen zu sein. Nur wer genau hinsieht, entdeckt die feinen Risse, die sich durch das Holz ziehen. Moortgat, dessen Name im Sockel steht, verlieh dem Holz etwas Weiches. Die Gesichts-züge des Engels sind zart und mitfühlend, er weiß, dass er Leiden bringt, indem er Jesus den Kelch gibt. Moortgat hat just den Moment festgehalten, in dem der Engel noch zögert, den Kelch zu überreichen. Aber er kann es nicht verhindern. Auch das angsterfüllte Gesicht Jesu ist fein gezeichnet: Die Augen sind weit aufgerissen, die Wangen eingefallen. Er ist ein Mensch, der voller Verzweiflung ist. Der Faltenwurf der Gewänder wirkt so real, als handele es sich dabei um echte Stoffe.


Von Garnet  Manecke

Veröffentlicht am 29.07.2015

 
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