Kirche in der Region Mönchengladbach
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Wie wir mit unserem Essen umgehen

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 18/2014

Essen wertschätzen statt vernichten

Verhalten in den Industrieländern schürt den Hunger in der Welt

Mit ihrem Film „Taste the Waste“ und dem dazu gehörenden Buch „Die Essensvernichter“ machten der Journalist Stefan Kreutzberger und der Dokumentarfilmer Valentin Thun auf die Vernichtung noch genießbarer Lebensmittel aufmerksam.

 Im Rahmen der Bistumsaktion „Zu Tisch mit Gott und der Welt“ sprach Kreutzberger im Lesecafé der Citykirche darüber.

Die Gladbacher Tafel ist ein gesellschaftlicher Gegenentwurf zu dieser gigantischen Verschwendung. Seit sie sich bei der Mönchengladbacher Tafel engagiert, hat sich Monika Bartschs Blick auf Lebensmittel verändert. „Ich greife jetzt öfter bei den Sammelkisten zu, in denen die Läden Produkte mit ablaufendem Mindesthaltbarkeitsdatum anbieten“, sagt die Vorsitzende der Tafel. Denn ist dieses Datum einmal erreicht, darf die Ware nicht mehr in den Verkauf und landet im Müll – unabhängig davon, ob es noch genießbar wäre. Nach einer Schätzung des Bundesverbraucherschutzministeriums aus dem Jahr 2011 werden in Deutschland etwa 20 Millionen Tonnen Lebensmittel jedes Jahr weggeschmissen. Denn auch in privaten Haushalten wird dieses Prinzip oft gelebt. „Laut Welternährungsorganisation der UNO landet weltweit ein Drittel aller Lebensmittel im Müll“, sagt Stefan Kreutzberger bei seinem Besuch im Lesecafé. „Schätzungen für die Industrieländer gehen sogar von der Hälfte aus.“ Bei Unterschungen der EU-Kommission wurde herausgefunden, das in Deutschland rund 150 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf weggeschmissen werden – ein Viertel der von privaten Haushalten eingekauften Lebensmittel.

Dabei spielt das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) eine entscheidende Rolle. Denn viele Menschen glauben, dass mit dessen Ablauf die Lebensmittel nicht mehr genießbar sind. „Dabei wird das Datum von der Industrie nach Anforderungen des Handels festgelegt“, sagt ein Vertreter des französischen Lebensmittelhandels im Film „Taste the Waste“. Und beschreibt, wie die Haltbarkeitszeiträume im Laufe von zehn Jahren immer weiter verkürzt wurden. Im Handel werden ganze Gebinde verpackter Lebensmittel weggeworfen, weil eine Packung beschädigt ist. „In einem Bio-Supermarkt haben wir in der Mülltonne Gläser mit Honig gefunden“, berichtet Kreutzberger. „Weil eines kapputt war, wurden die anderen fünf des Gebindes auch entsorgt.“ Welche Mengen an brauchbaren Lebensmitteln die Supermärkte wirklich wegschmeißen, ist nicht bekannt. „Kein einziger Supermarkt in Deutschland war bereit zu einem Interview“, sagt Kreutzberger. Einziger Anhaltspunkt: Laut einer Untersuchung des Instituts für Abfallwirtschaft Wien werden in Österreich pro Supermarkt-Filiale 45 Kilo pro Tag weggeschmissen.

 

In Mönchengaldbach gibt es eine große Zahl Supermärkte, die spenden

„In Mönchengladbach gibt es da ein Umdenken“, sagt ein Zuhörer, der sich bei der Gladbacher Tafel engagiert. „Hier gibt es eine große Zahl an Märkten, die diese Artikel kurz vor Ablauf des MHD der Tafel geben.“ Das kann Monika Bartsch bestätigen. „Als der Film und das Buch herauskamen, haben die Supermärkte eine Weile MHD-Theken eingerichtet und die Waren billiger angeboten“, sagt Bartsch. „Das haben unsere Fahrer sofort gemerkt.“ Doch mittlerweile ist dieser Trend wieder rückläufig: Das Aussortieren und Sammeln ist arbeitsintensiver, als alles gleich wegzugeben. Bei der Tafel werden diese Lebensmittel an Bedürftige verteilt. „Für unsere Kunden sind die Spenden wichtig, sonst würden sie sich nicht zwei Stunden dafür anstellen“, sagt Bartsch. Mit vier Kühltransportern sind die ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeiter unterwegs und fahren rund 200 Stellen pro Woche an. An den beiden Ausgabetagen werden jeweils über 400 Familien versorgt, das sind im Monatsdurchschnitt knapp 1300 Haushalte. 2013 wurden Lebensmittel für über 83000 Personen ausgegeben.

 

Viele Menschen wissen nicht mehr, wie Lebensmittel produziert werden

Den Respekt vor Lebensmitteln und den richtigen Umgang damit muss man lernen. Mit Filmausschnitten von „Taste the Waste“ stellt Kreutzberger einige kreative Lösungen vor. Vom Container-Tauchen, bei dem Menschen aus den Müllcontainern der Supermärkte verwertbaren Salat, Gemüse und Obst fischen, über Gemüsegärten auf New Yorker Dächern bis hin zum Farmer-Markt in den USA, wo die Erzeuger ihre Produkte vom Feld direkt auf dem Markt verkaufen. Solche Beispiele gibt es auch in Mönchengladbach. Kleingärtner bringen Ernteüberschüsse zur Tafel, ein Kartoffelhändler spendet die Knollen, die nicht den Größennormen für den Handel entsprechen. Was im Film immer wieder offensichtlich wird: Viele Menschen wissen gar nicht mehr, wo Lebensmittel wie Eier oder Tomaten herkommen. Entsprechend gering ist das Wissen über eine schmackhafte Zubereitung. Auch Monika Bartsch stellt das bei den Tafel-Kunden immer wieder fest. „Ein Drittel unserer Kunden sind Kinder“, sagt sie. Viele der Mütter könnten gar nicht kochen, sondern ernährten sich überwiegend von Fertiggerichten. Das geben sie an ihre Kinder weiter. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, beliefert die Tafel für das Projekt „Kochen mit Kindern“ acht Einrichtungen, in denen Kinder nach der Schule betreut werden und ein warmes Essen bekommen. Mit den Betreuern kochen die Kinder ihr Essen selbst und lernen so, mit Lebensmitteln umzugehen. „Wir bekommen dafür extra Spenden, die wir für den Einkauf dieser Lebensmittel verwenden“, sagt Bartsch.

 

Lebensmittelverschwendung ist keine Frage des eigenen Lebensstils

Dass Lebensmittelverschwendung keine Frage des persönlichen Lebensstils ist, zeigt Kreutzberger eindrucksvoll auf. Allein das Verbot in der EU, Lebensmittelreste an Tiere zu verfüttern, sorgt dafür, dass mehr Anbaufläche für die Produktion von Tierfutter genutzt wird. Entsprechend weniger Fläche steht für die Getreideproduktion zur Ernährung der Menschen an. Steigende Getreidepreise sind die Folge. Die sind vor allem in den Entwicklungsländern für die Menschen unbezahlbar. Ein guter Nährboden für Hungerkatastrophen. Dem kann jeder mit seinem persönlichen Konsumverhalten entgegenwirken. „Ich kann als Kunde nicht erwarten, dass die Supermärkte bis 22 Uhr alles da haben“, sagt Bartsch. Und Kreutzberger weist auf Erfolge von Aktionen wie die Tauschbörse foodsharing oder die Lebensmittelretter hin.

www.mg-tafel.de

www.foodsharing.de

www.lebensmittelretten.de


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 02.05.2014

 
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