Kirche in der Region Mönchengladbach
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Spirituelles Theaterprojekt der Steyler Missionare in Mönchengladbach

Hinter dem Nebel erscheint die Gestalt der Frau diffus. Mit einem Taschentuch trocknet sie die Tränen ihrer lieblosen Kindheit.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 34/2012

Gestern ist Heute

Mit Hilfe des Theaters das eigene Leben reflektieren

Krisen muss jeder Mensch in seinem Leben bestehen. Aber nicht jeder geht daraus gestärkt hervor. Manchen führt die Krise ins gesellschaftliche Abseits oder in den persönlichen Absturz. Viele Gäste des Treffs am Kapellchen, dem TaK, können davon erzählen.

In einem spirituellen Projekt der Steyler Missionsschwestern haben sich 18 Männer und Frauen mit der alttestamentarischen Geschichte des Jakob auseinandergesetzt und diese in Beziehung zu ihrem Leben gebracht. Daraus ist ein Theaterstück geworden, dass in der Kulturzeit im TaK regen Zuschauerzuspruch findet.

Wünsche haben so eine Eigenart: Sobald sie erfüllt sind, wachsen neue. Doch nicht jeder Wunsch wird erfüllt. In solchen Fällen entwickeln sie manchmal ein Eigenleben: Sie fangen an, zu brennen und sich tief in die Seele zu fressen. Das machen sie besonders gerne, wenn der Wünschende nicht in der Lage ist, seine Wünsche zu erfüllen, sei es, dass ihm die nötigen finanziellen Mittel fehlen; sei es, dass er es aus persönlichen Gründen nicht kann. In der Leistungs- und Konsumgesellschaft der Gegenwart kann das schnell ins soziale Abseits führen, was die Wünsche in der Regel weiter verstärkt. „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“, sagte einst Dietrich Bonhoeffer. Dieser Satz galt als Leitsatz für die Teilnehmer des Projekts, aber um die Erfüllung muss immer wieder gerungen werden, wie das Ende des Stücks klar macht.

Edmund Erlemann erzählt Jakobs Geschichte: Wie er seinen erstgeborenen Bruder um dessen Erbe betrügen wollte, vor dessen Rache zu seinem Onkel floh und nun von diesem mehrfach betrogen wurde. Schließlich die erneute Flucht mit seiner Familie und die Versöhnung mit dem Bruder. Erlemanns Erzählung wird immer wieder unterbrochen von Spielszenen, in denen die Projektteilnehmer das Geschehen in der biblischen Geschichte auf Erlebnisse in ihrem Alltag übertragen.

Das Stück haben sie „Gestern ist heute“ übertitelt. Es sind Erlebnisse aus dem Alltag, die die Biografie der Laien-Schauspieler nachhaltig beeinflusst haben. In der ersten Szene trauert eine Frau hinter einer Maske um ihre verlorene Kindheit. Die vielen ungewollten Schulwechsel, die es unmöglich machten, Freundschaften zu knüpfen; der lieblose Umgang der Eltern mit ihrer Tochter. Mit einem Taschentuch trocknet die Frau die Tränen, die das Kind einst geweint hat. „Ich wurde um meine Kindheit betrogen“, kommt ihre Stimme aus dem Off, dabei umhüllt sie ein Nebel, der ihre Gestalt diffus erscheinen lässt.

 

„Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“

Die unterschiedliche Behandlung von Privatpatienten und Kassenpatienten in Arztpraxen, Mobbing am Arbeitsplatz, der Umgang von Behördenvertretern mit den Klienten: All das wird thematisiert. Die Betroffen fühlen sich zu Bittstellern degradiert, machtlos, chancenlos. Doch nicht immer ist es so, dass Dritte an der eigenen Misere schuld sind. So wie Jakob durch seinen eigenen Betrug sich selbst das Leben schwer machte, so machen sich auch einige der TaK-Gäste das Leben selbst schwer und nehmen sich Chancen. Themen wie Sucht oder aggressives Verhalten werden auf Schildern in das Theaterstück eingebracht. Dabei haben die Darsteller Masken auf: Sich der Wahrheit zu stellen ist gar nicht so einfach. Nicht nur der Umwelt wird eine Maske gezeigt, auch zur Selbsttäuschung funktioniert sie eben gut.

Mit Projekten wie diesem wollen die Steyler Missionsschwestern im TaK den Menschen wieder eine Perspektive geben. In den Räumen an der Rudolfstraße haben sie einen Ort geschaffen, an dem die Besucher sich mit ihrem eigenen Leben auseinandersetzen können, ohne mit Vorurteilen kämpfen zu müssen. Sie können sich untereinander austauschen und sich gegenseitig helfen. So erfahren sie wieder, dass auch sie zur Gesellschaft gehören. Jeder bekommt seine Aufgabe und damit ein kleines Stück Verantwortung übertragen; die wird ernst genommen. Denn es sind oft scheinbar kleine, selbstverständliche Dinge, von denen die TaK-Besucher träumen und die so wichtig für das Selbstwertgefühl sind: Liebe, Anerkennung, Friede, Freundschaft oder ein Job. Zumindest die Erfüllung der ersten vier Träume erleben sie im TaK.

Zur nächsten Kulturzeit lädt das TaK, Rudolfstraße 7, am Dienstag, 12. September, um 19 Uhr ein. Auf dem Programm steht ein Filmabend.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 24.08.2012

 
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