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Alltag auf der Kinderstation im Krankenhaus Neuwerk zur Adventszeit

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 48/2013

Stress statt Besinnlichkeit

In der Kinderklinik Mönchengladbach-Neuwerk herrscht zur Vorweihnachtszeit Hochbetrieb

Fieber messen statt Plätzchen backen, Arzt-Visite statt Weihnachtsfeier, Operationssaal statt Weihnachtsmarkt: Kinder, die in der Adventszeit im Krankenhaus liegen, müssen auf viele lieb gewonnene Rituale verzichten. Für Ärzte und Pflegepersonal ist Hochsaison vor den Feiertagen.

Maximilian verschläft seinen ersten Geburtstag. Der Einjährige liegt erschöpft in seinem Bettchen – eine eitrige Mittelohrentzündung quält das Kleinkind. „Weil er nicht mehr getrunken hat, wurde gestern ein Zugang für die Flüssigkeitszufuhr gelegt“, erzählt seine Mutter Tanja Gohl. Im Bett daneben liegt Maximilians Bruder Paul (2). Er kuriert gerade eine Lungenentzündung aus. Die Vorweihnachtszeit ist Hochsaison auf der Kinderstation des Krankenhaus „Maria von den Aposteln“ im Mönchengladbacher Stadtteil Neuwerk. Infektionen breiten sich jetzt in Kindergärten und Schulen aus.

Die Betten in der Kinderstation sind komplett belegt. Das bedeutet nicht nur für das Personal Stress. „Die Eltern haben alle puren Stress“, sagt Wolfgang Müller, Chefarzt der Kinderklinik. „Das gilt auch für nichtchristliche Familien.“ Denn die Adventszeit ist außerhalb der Krankenhausmauern mit Weihnachtsfeiern, Geschenke-Einkaufen und erhöhten Erwartungen an Harmonie und Festlichkeit schon überfrachtet. Die Hektik von außen begleitet die Familien und die Kinder in die Klinik. „Oft werden wir direkt gefragt, wie lange es dauert, bis das Kind wieder nach Hause kann“, weiß Müller. „Der Krankenhausaufenthalt wird als lästig empfunden. Eltern wollen das Problem schnell wieder los sein.“ Auch auf das Pflegepersonal übertrage sich der Stress im Laufe der Wochen. „Wichtig ist es dann, die Leute wieder herunterzufahren, so dass es einigermaßen ruhig wird, bevor das Kind wieder nach Hause kommt“, sagt Müller.

Im Klinikalltag werden dafür kleine Inseln geschaffen, auf die sich die kleinen Patienten freuen können: Bastel- und Malaktionen, Vorlesenachmittage oder das große Weihnachtsbaum-Schmücken. Solche Programme werden von Ehrenamtlern und Honorarkräften angeboten, die von Haus aus oft Erzieher oder Lehrer sind. „Sie holen die Kinder damit ein bis zwei Stunden aus dem Klinikalltag“, sagt Müller. Auch die Vorfreude der Kinder auf diese kleinen Events ist wichtig – denn Freude und Lachen fördern den Genesungsprozess und entspannen.

Während auf der Kinderstation der Weihnachtsstress Einfluss hat, geht es auf der Kinderpalliativstation „Insel Tobi“ ruhiger zu. „Die Kinder hier sind unheilbar chronisch krank“, sagt Müller. Ihre Eltern entziehen sich in der Regel der Weihnachtshektik. Aber der Geist der Weihnacht soll auch bei diesen Kindern einziehen. Im Snoezelraum mit verschiedenen Lichtstimmungen und Wasserspiel finden die Kinder zur Ruhe, an Weihnachten bringen Eltern und Geschwister kleine Christbäume und feiern den Heiligen Abend bei den kranken Kindern, wenn diese über die Feiertage nicht nach Hause gehen können. „Grundsätzlich versuchen wir, die Kinder, bei denen es möglich ist, über die Feiertage zu beurlauben oder zu entlassen, damit sie mit ihren Familien feiern können“, sagt Müller. Wenn das nicht geht, helfen oft schon kleine Tipps, um die Schönheit der Feiertage zu wahren. „Wenn der Tannenbaum eine Woche länger stehen bleibt, ist Geschwisterkindern, die darunter leiden, dass das kranke Kind nicht nach Hause kommen kann, oft schon geholfen“, weiß Kinderkrankenschwester Ulrike Cremer aus Erfahrung.

Aber auch wenn der Klinik- alltag wenig Raum für Romantik lässt, entstehen immer wieder weihnachtliche Momente. „Ich spüre das stark, wenn ich mich mit einem Kind über Weihnachten unterhalte“, sagt Schwester Ulrike. Das kann ein kleiner Patient auf der Station sein – oder ihr eigenes Kind. Auch Chefarzt Müller erfährt solche leisen Momente. Gerade hat eine junge Mutter per Kaiserschnitt gesunde Zwillinge entbunden. „Allen geht es gut, das ist so ein kleiner Glücksmoment“, sagt Müller. Für den erfahrenen Kinderarzt ist eine Geburt immer noch etwas Besonderes. Wie es sich anfühlt, Weihnachten vielleicht im Krankenhaus verbringen zu müssen, weiß Familie Gohl ganz genau. Ihr Ältester Paul wurde vor drei Jahren im Krankenhaus „Maria von den Aposteln“ in Neuwerk geboren. „Eigentlich war seine Geburt auf den 6. Januar terminiert“, erzählt Tanja Gohl. Aber dann setzten bei ihr die Wehen ein, durch tiefen Schnee brachten ihre Eltern sie ins Krankenhaus. Am 20. Dezember wurde Paul geboren. „Wir sind dann genau an Heiligabend entlassen worden“, erinnert sich die 31-Jährige. Natürlich habe zu Hause kein Baum gestanden, nichts war weihnachtlich geschmückt. „Aber das war uns egal, Paul war das größte Geschenk für uns“, sagt Tanja Gohl.

Das erste Weihnachten mit dem Baby ist eine romantische Vorstellung, die viele Eltern und Großeltern hegen. Nicht immer ist das möglich. Besonders auf der Frühchenstation müssen deshalb häufig Tränen getrocknet werden. „Dazu kommt, dass auf der Station alles sehr rational abläuft“, sagt Müller. Die Hygienevorschriften lassen es nicht zu, dass das Zimmer mit Tannen geschmückt wird. Zudem könnte Weihnachtsschmuck hinderlich sein, wenn Ärzte oder Pflegepersonal an den Inkubator müssen. Wichtig ist den Ärzten, dass Kinder und Eltern nicht allein gelassen werden in dieser Zeit. „Es gibt einen hohen Bedarf an einer Begleitung für die Familien – auch auf die Erwachsenen bezogen“, stellt Müller fest. Heute muss kein Kind mehr allein, getrennt von der Familie, im Krankenhaus bleiben. Besonders die Jüngsten unter den Patienten werden nicht allein gelassen. Als Eltern-Kind-Zentrum bietet die Klinik an, dass eine Vertrauensperson 24 Stunden bei dem Kind bleiben kann. „In der Regel ist das die Mutter, aber auch Oma, Tante oder Vater können das sein“, sagt Müller.

Wie wichtig diese Möglichkeiten und die Zuwendung für Kinder und Eltern sind, merken Müller und sein Team gerade in der Weihnachtszeit. Eltern von verstorbenen Kindern schreiben auch Jahre später noch einen Weihnachtsgruß. „Wenn einer unserer ehemaligen Patienten eine Weihnachtskarte schreibt, und man sieht die Handschrift, dann hält man schon inne“, sagt Schwester Ulrike. An Heiligabend nehmen sich Chefarzt und Klinikleitung Zeit zum Besuch bei den kleinen Patienten. Für jeden gibt es ein Präsent – muslimische Kinder werden dabei eingebunden. Und abends kommen die Familien und feiern Weihnachten eben am Krankenbett.

 

Zitiert

"Eine Geburt ist immer noch ein kleiner Glücksmoment im Klinikalltag."

Wolfgang Müller, Chefarzt Kinderklinik Neuwerk


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 02.12.2013

 
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