Kirche in der Region Mönchengladbach
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Ergotherapeuth Andreas Kosfeld von der Familienbildungsstätte Mönchengladbach mit Hund Cailou

Der Sprung durch den Reifen ist nicht nur für Caillou eine sportliche Übung. Ergotherapeut Alexander Kosfeld führt vor, wie Patienten mit motorischen Störungen wie bei Multipler Sklerose auf diese Weise üben, ihr Gleichgewicht zu halten.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 33/2012

Ein Therapeut mit Fell

In der Ergotherapie setzt Alexander Kosfeld auch seinen Hund ein

Kuscheliges Fell, treue braune Augen und eine Menge Kunststücke im Repertoire: Der Australian-Shepherd Caillou ist ein Hund, wie die meisten Kinder ihn lieben. Sein Besitzer, der Korschenbroicher Ergo-therapeut Alexander Kosfeld, setzt den Familienhund in der Therapie ein.

Dafür haben Herr und Hund bei der Familienbildungsstätte Mönchengladbach eine spezielle Ausbildung zur Tiergestützten Therapie gemacht.

Als der kleine Patient impulsiv zugriff und fest an den Haaren in Caillous Gesicht zog, da reagierte der Hund ganz souverän: Er wandte seinen Kopf ab und zog sich ein wenig zurück. Dann beobachtete er den kleinen Patienten eine Weile und ging wieder auf ihn zu – das Angebot zum Spielen. „In dem Augenblick war ich richtig stolz auf den Hund“, sagt Ergotherapeut Alexander Kosfeld. Die Situation zeigt deutlich, warum sich der Australian-Sheperd Rüde so gut als Therapiehund eignet. Kosfeld hat selber zwei Kinder, die heute acht und zehn Jahre alt sind. Der vierjährige Rüde weiß daher, dass es beim Spiel mit Kindern schon mal wild werden kann. Aber er ist geduldig. So überrascht es nicht, dass der Therapiehund den Wesenstest und die Gehorsamkeitsprüfung, die der speziellen Ausbildung zum Therapiebegleithund vorangestellt wurden, mit Bravour gemeistert hat. Bevor der Ergo- therapeut seinen Hund in der Praxis einsetzen konnte, haben beide über neun Monate in 250 Stunden im Ausbildungskurs „Tiergestützte Therapie“ der Familienbildungsstätte intensiv gelernt. Die Grundlagen der Beziehung zwischen Mensch und Tier, ehtische Grundlagen, Methoden zur Ausbildung des Hundes sowie Praxiseinsätze und Übungen standen genauso auf dem Stundenplan der Ausbildung wie rechtliche Fragen und Hygiene.

„Ich wollte immer etwas mit meinem Hund machen. Aber eigentlich war es mehr als Hobby gedacht“, sagt Kosfeld. Entsprechend gespannt war der Ergotherapeut auf die Ausbildung. Dass Caillou sehr gut und schnell lernt, dabei geduldig und flexibel ist, macht ihn zu einem optimalen Therapiehund. Heute absolviert der Familienhund an zwei bis drei Tagen pro Woche insgesamt fünf bis sechs Therapiestunden – immer mit ausreichend Pausen zwischen den Einsätzen. „Es ist wichtig, dass es dabei auch dem Hund gut geht“, sagt Kosfeld.

 

Der Hund wirkt als Motivator und Verstärker bei den Übungen

Caillou trifft bei seiner Arbeit ganz unterschiedliche Patienten. Phobiker, Kinder, die Schwierigkeiten im sozialen Miteinander haben – wie etwa Autisten, Mobbing-Opfer, Demenzkranke – Menschen mit motorischen Störungen wie Schlaganfall- Patienten oder Multiple-Sklerose-Kranke gehören dazu. Entsprechend sind die Übungen, die die Patienten mit dem Hund absolvieren, ganz unterschiedlich. „Mit dementen Patienten zum Beispiel kann man eine Übung machen, bei der man plant, wie man Hundekekse bäckt“, erklärt Kosfeld. „Dann wird das Gedächtnis trainiert, indem überlegt wird, welche Zutaten gebraucht und in welcher Reihenfolge sie verwendet werden.“ Auch der Entwurf und der Bau von Hundespielzeug gehört dazu.

Verunsicherte Kinder können durch Übungen, bei denen sie dem Hund klare Anweisungen geben, ihr Selbstbewusstsein trainieren, Menschen mit motorischen Störungen trainieren Bewegungsabläufe mit dem Hund. „Wenn sie ihn durch einen Reifen springen lassen und dabei ihren Oberkörper etwas drehen müssen, trainieren sie, das Gleichgewicht zu halten“, sagt Kosfeld. Der Hund wirkt bei vielen Übungen als Motivator und Verstärker. „Ein Schlaganfall-Patient, der früher selber Hunde hatte, wird sich beim Einsatz des Hundes viel mehr bewegen, als wenn ich allein mit ihm ein paar Übungen mache“, beobachtet Kosfeld in seiner Praxis. Auf diese Weise wird der Effekt der Übungen verstärkt.

Eingesetzt wird der Hund in den Fällen, in denen er die Therapie unterstützen kann. „Mittlerweile werden die Patienten auch gezielt zu uns geschickt, um mit dem Hund zu arbeiten“, sagt Kosfeld. Bei sozialen Interaktionen sind die Übungen mit dem Hund eine Zwischenstufe. „Das ist noch etwas anderes als die direkte Interaktion mit einem Menschen“, sagt Kosfeld. Der Hund ist eine neutrale Instanz, in die man auch seine eigenen Gefühle hineininterpretieren kann. Dadurch hilft er, Hürden abzubauen.

Jede Fähigkeit des Hundes trainiert Kosfeld im Vorfeld, erst wenn ein Trick richtig sitzt, wird er auch in der Therapie angewendet. „Die einzige Ausnahme ist, wenn ein Patient sich im Rahmen der Therapie einen Trick ausdenkt und mit dem Hund übt“, erklärt Kosfeld. Dabei wird die Methode der positiven Verstärkung angewandt. Sobald der Hund das gewünschte Verhalten zeigt, ertönt ein Klick und der Hund bekommt eine Belohnung.

 

Guter Grundgehorsam und Sozialverhalten sind Voraussetzung

Alexander Kosfeld gehört zu den ersten, die den Kurs bei der Familienbildungsstätte absolviert haben. Neben der Ausbildungsleiterin Katrin Meyer gehören Pädagogen, Therapeuten (Ergo- und Logopädie), Hundetrainer und Tier-Pädagogen, Tierheilpraktiker und Veterinäre zum Ausbildungsteam. Pro Jahr bildet die Familienbildungsstätte maximal zwölf Mensch-Hund-Teams aus. Voraussetzung für die berufsbegleitende Ausbildung ist eine abgeschlossene therapeutische oder pädagogische Berufsausbildung. Die Hunde müssen mindestens 18 Monate alt sein, über einen guten Grundgehorsam sowie ein positives Sozialverhalten gegenüber Artgenossen verfügen. Von den 250 Unterrichtsstunden werden 148 in Präsenzveranstaltungen an Wochenenden absolviert. Am Ende der Ausbildung steht eine praktische und eine theoretische Prüfung.

 

Der Rückzug des Hundes muss von den Patienten respektiert werden

Bevor Alexander Kosfeld seinen Hund in der Therapie einsetzt, bespricht er diese Möglichkeit mit seinen Patienten. Nicht jeder ist gleich begeistert von der Idee. „Viele wollen erst mal ein Bild oder den Hund selbst sehen“, berichtet er. Besonders Phobiker nähern sich nur vorsichtig dem Tier an. Auch die Regeln für den Umgang mit dem Hund müssen mit dem Patienten besprochen werden. So ist der Hundekorb in der Ecke des Therapieraumes der Rückzugsort für Caillou, an dem ihn niemand stören darf. Das muss respektiert werden.

Informationen zur „Tiergestützten Therapie mit Ausbildung eines eigenen Therapiebegleithundes“ sind im Internet unter www.akademie-für-tiergestützte-therapie.de abrufbar.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 19.08.2012

 
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