Kirche in der Region Mönchengladbach
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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 37/2014

Wenn Kinder bespuckt werden

Jüdische Gemeinden im Bistum Aachen erleben alltäglichen Antisemitismus und brauchen Solidarität

Manche jüdische Gemeinde in Deutschland klagt derzeit über verbale Angriffe oder Schmierereien an Gebäuden und Friedhöfen. In Krefeld ist die Situation vergleichsweise ruhig, doch bleibt man auch dort von der allgemeinen Anspannung nicht unberührt.

 „Gott sei Dank haben wir bis jetzt noch keine Schmierereien oder ähnlichen Vandalismus bei jüdischen Einrichtungen in Krefeld gesehen“, berichtet Ytzchak Mendel Wagner, Rabbiner der Krefelder Gemeinde. Verbale Angriffe allerdings kommen immer wieder vor. Einen Zusammenhang mit den aktuellen politischen und militärischen Entwicklungen sieht er jedoch nicht: „Bereits vor der Eskalation im Nahen Osten mussten Juden aus Krefeld, die sich auch in der Öffentlichkeit als Juden zu erkennen geben – zum Beispiel durch das offene Tragen der Kippa – verbal attackieren lassen. Das letzte Mal, dass es sich spürbar verschlechtert hat, war zur Zeit der Beschneidungsdebatte.

 

„Man rät unseren Kindern, keine Kippa zu tragen“

Seit nun schon rund 50 Tagen ist eine Situation entstanden, die ich persönlich noch nie so erlebt habe. Gemeindemitglieder und vor allem Vertreter der jüdischen Gemeinde werden auf offener Straße fast täglich verbal angegriffen. Man rät unseren Kindern, nicht mehr mit der Kippa auf dem Kopf oder mit einer Davidsternkette auf die Straße zu gehen. Besonders die Berichte aus Städten wie Berlin und Frankfurt schüren zusätzlich Angst. Wer hätte gedacht, dass auf deutschen Straßen wieder ,Juden ins Gas‘ geschrieen wird und dass man versucht, Synagogen anzuzünden, wie in Wuppertal.“ Bekundungen der Solidarität gibt es vereinzelt: „Uns erreichten weniger solcher Rückmeldungen und Schreiben als erhofft oder vielleicht auch in solchen Zeiten anzunehmen wäre. Allerdings bekommen wir vereinzelt Solidarität zu spüren von Privaten, die sich an die Jüdische Gemeinde wenden. Sehr große Unterstützung haben wir durch den Superintendenten der evangelischen Kirche, Burkhard Kamphausen, erhalten.“ Die interreligiösen Kontakte schätzt Wagner für Krefeld als sehr gut ein. Er ist der jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Krefeld.

 

„Es ist nicht laut, aber leise unfriedlich“

Deren Geschäftsführer Joachim Klupsch sagt zu den Hassdemonstrationen: „Antisemitismus ist ein pathologisches Phänomen, das gesellschaftlich nicht primär durch Aufklärung, Belehrung oder interreligiöse Gespräche beseitigt oder bekämpft werden kann. Der Antisemitismus ist und war immer da, er zeigt sich nur immer unverschämter und offener. Menschen, die ein antisemitisches Weltbild vertreten, werden das letztlich nur durch eigene Auseinandersetzung mit ihren politischen Ansichten verändern können.“ Für Klupsch gehört es unter anderem zu den Aufgaben einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, zu solcher politischen Auseinandersetzung anzustiften. Die friedlich wirkende Situation in Krefeld hält er für eine Folge allgemeiner Gleichgültigkeit. „Es gibt kaum ein empathisches Verhältnis zu Israel. Es ist nicht laut, aber leise unfriedlich“, sagt er. Er macht darauf aufmerksam, dass Christen „gar nicht anders können, als religiös zu denken“. Juden seien dagegen ein Volk und daher seien politische, kulturelle und religiöse Aspekte eng verknüpft. Seiner Auffassung nach setzt schon hier das Unverständnis an, das die Grundlage für den verborgenen modernen, nicht faschistischen Antisemitismus bilde. Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hat sich diese Felder zur Aufgabe gemacht: „Wir schaffen Gelegenheit für religiöse Gespräche zwischen Christen und Juden, befassen uns mit den politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, und wir fördern das gegenseitige Verständnis der Kultur und Geschichte“, so Klupsch.

 

„Manche sitzen schon auf gepackten Koffern“

Er bedauert, dass es zwar einen evangelischen, jedoch keinen katholischen Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog im Bistum Aachen gibt, auch wenn Bischof Heinrich Mussinghoff auf Bundesebene Vorsitzender einer Kommission mit diesem Aufgabenprofil ist. Der Konzilsbeschluss über die Beziehungen zwischen Katholiken und Juden besteht 2015 seit 50 Jahren. Der Zentralrat der deutschen Katholiken erstelle zwar gute Dokumente, doch wirke sich das im Alltag kaum aus. Demonstrationen zur Solidaritätsbekundung habe es zwar gegeben, etwa in Köln, doch seien diese speziell aus Krefeld nur schwach besucht gewesen. Zum Zeichen der Anteilnahme an der jüdischen Kultur wünscht er sich eine größere Beachtung in den Medien, beispielsweise durch Erklärungen der Festtage und Bräuche oder durch offizielle Glückwünsche an das jüdische Volk wie zum bevorstehenden Neujahrsfest am 24. September. In Mönchengladbach vermisst Leah Floh, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, die Solidarität vonseiten der politischen Gremien, auch der kirchlichen Organisationen. „Das ist schlimmer als alle E-Mails von verwirrten oder böswilligen Menschen. Es gibt aber viele Einzelne, die mit uns fühlen und auch Spenden schicken.“ – „Wegen eines Beitrags in der Rheinischen Post über ein Gespräch mit mir gab es Drohbriefe aus der Stadt“, schaudert sie.

Voller Entsetzen erinnert sich Leah Floh an die Demonstration in Düsseldorf, als Palästinenser- und Hamas-Fahnen zu sehen waren, oder als am Schabbat in Mönchengladbach gar eine Frau über Lautsprecher erklärte, dass „Juden christliche Kinder schlachten und ihr Blut trinken“. Sie lobt die gute Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, bedauert aber auch, dass Gemeindemitglieder in der jetzigen Situation Angst haben. „Manche sitzen sozusagen auf gepackten Koffern, bereit, das Land zu verlassen.“ Schlimm sei es, „dass Kinder aus der Gemeinde in der Schule bespuckt und beschimpft werden“. „Die Jüdische Gemeine Aachen ist, wie alle jüdischen Gemeinden vor allem in Deutschland, immer wieder Ziel von üblen rassistischen und Hass verströmenden Schmierereien und Zusendungen – sei es per Post oder als Mail. Im Zusammenhang mit dem Gaza-Konflikt haben wir eine deutliche Zunahme feststellen können, wenn auch der ausdrückliche Bezug im Wortlaut nicht deutlich hervortrat“, erklärt Robert Neugröschel, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Aachen.

 

„Das Klima scheint sich zu verschlechtern“

Ob es dabei um rechtsradikale Antisemiten, um radikale Muslime oder ihre Freunde handele, sei meist nicht erkennbar. Dennoch beobachten auch die Mitglieder der Aachener jüdischen Gemeinde mit Sorge, wie das Klima sich zu verschlechtern scheint. „Im Allgemeinen finden wir aber Unterstützung durch eine gute interreligiöse Zusammenarbeit“, versichert Neugröschel.


Von Regina Kraus

Veröffentlicht am 12.09.2014

 
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