Kirche in der Region Mönchengladbach
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Hildegard Hoffmann ist eine der Bewohner der Wohnkirche Mönchengladbach-pesch

Mit Möbeln aus der Zeit des Biedermeier hat Hildegard Hoffmann ihr Esszimmer eingerichtet.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 23/2012

Neues Leben in der Kirche

Hildegard Hoffmann gehört zu den ersten Bewohnern der Wohnkirche Herz Jesu in Mönchengladbach

Natürlich fallen bei genauem Hinsehen die Fenster auf. Sie gehören genauso wenig in die Fassade einer neugotischen Backsteinbasilika wie die gläserne Tür an Stelle des Hauptportals

Und seit wann zeigen Kirchen ihre Hausnummern? „140“ ist im oberen Segment des ungewöhnlichen Mittelportals zu lesen, doch die beiden traditionellen Seitenportale, aus Holz, mit floral anmutenden Eisenbeschlägen, wirken präsenter. Für weitere Verwirrung sorgen die Nummern am Kopfende der Parkplätze. Typische Anwohner-Parkplätze, denkt sich der Betrachter. Die Kirche Herz Jesu Pesch, deren Türme nie ausgeführt wurden, ist heute ein Wohngebäude. Auf 1600 Quadratmetern ist Platz für 23 Wohnungen mit Größen von 52 bis 82 Quadratmetern.

Als Hildegard Hoffmann, Mieterin in der ersten Etage, das Gebäude das erste Mal betrat, dachte sie: „Wahnsinn, hier könnte ich wohnen.“ Im vergangenen Herbst suchte sie verzweifelt nach einer barrierefreien Wohnung. Elf Monate hatte sie in einer Seniorenresidenz gewohnt, weil sie aus gesundheitlichen Gründen die Treppen zu ihrer Wohnung in einem wunderschönen Jugendstilhaus in der Franziskanerstraße nicht mehr erklimmen konnte. Nach mehrmaligem Vorsprechen beim Wohnungsamt und vergeblichem Inserieren bekam sie endlich den Hinweis auf die Wohnkirche in Pesch. Die erfüllte die meisten ihrer pragmatischen Kriterien: „Ich brauche einen Aufzug, eine ebenerdige Dusche und es muss zentral liegen“, sagt sie. Die Wohnkirche liegt im Grünen, das 4500 Quadratmeter große Grundstück und auch die Nachbargrundstücke sind von schönen alten Bäumen bewachsen.

 

Geplant und entworfen von Josef Kleesattel

Ziemlich exakt 108 Jahre nach der Weihe von Herz Jesu Pesch bezogen die ersten Mieter das Gebäude, dessen Außenhülle bei der Umnutzung nahezu unberührt blieb. Geplant und entworfen hatte die Kirche damals Josef Kleesattel, der für zirka 40 Sakralbauten im Rheinland verantwortlich zeichnete, so auch für St. Josef in Rheydt und Viersen, Johann Baptist in Krefeld und Willich-Anrath und St. Katharina in Willich, aber auch die Große Synagoge in Düsseldorf, die 1904 fertig gestellt wurde. 1944 wurde Herz Jesu Pesch zerstört, 1956 war sie wieder aufgebaut, 2007 musste sie aufgegeben werden.

Wirklich beeindruckt war Hiltrud Hoffmann, als sie den Innenraum, die heutige Eingangshalle, betrat. Dort hängen zwar ganz profan Briefkästen an der Wand, aber der Blick wird von dem farbig gestalteten Innenraum gefangengenommen. In der Mitte ein Treppenhaus und ein Aufzug, transparent in Stahl und Glas, die dem Mittelraum die hohe Erhabenheit des Kirchenraums lassen.

Die Wohnungen wurden in Holzständerbauweise in die Gebäudehülle eingefügt, wobei dem Brandschutz und dem Denkmalschutz besondere Bedeutung zukommt. Die Firma Schleiff Denkmalentwicklung als Projektentwickler und das Architekturbüro B15 mussten alle Schritte mit der Denkmalbehörde abstimmen. Beide haben Erfahrung auf diesem Gebiet. Vier Millionen Euro wurden investiert, die Fördersumme betrug 2,3 Millionen Euro. Bei MIPIM, der Internationalen Messe für Immobilien in Cannes, wurde die Wohnkirche für einen Preis nominiert.

 

Über den Buntsandstein gingen die Gläubigen

Der originale Bodenbelag aus rotem Buntsandstein, über den viele Gläubige immer wieder ihren Weg zu ihren Sitzbänken und nach vorne zum Altar nahmen, wurde belassen. Fehlende Flächen wurden mit schwarzem Granit ergänzt, oder an Stellen, die man nicht oft betritt, ausgespart, und mit Kies ausgestreut. Am Ende des Raumes streben rote Säulen mit goldenen Kapitellen gen Himmel. Über den Wohnungen, die in die Apsis der Kirche eingebaut wurden, sieht man die Glasfenster-Ornamente, die 1995 für die wiederaufgebaute Kirche von Wilhelm Teuwen gestaltet wurden. In der Mitte ein rotes Herz, aus dem sich auf dunkelblauem Grund Zungen flammend in die Höhe recken. „Herz Jesu“, denkt man unwillkürlich. „Früher war es ein Haus Gottes“, sagt Hildegard Hoffmann. „Jetzt ist es ein Haus für uns Menschen. Das gefiel mir von Anfang an.“

 

Neue Heimat in der Wohnkirche gefunden

Doch zunächst musste sie dafür einige Hürden nehmen. Die Immobilie ist als sozialer Wohnungsbau gefördert und den dafür erforderlichen Wohnberechtigungsschein bekam die pensionierte Lehrerin nicht. Erst die anerkannte Gehbehinderung von 70 Prozent sorgte für eine Ausnahmegenehmigung, außerdem muss sie eine Ausgleichsabgabe bezahlen. „Ich durfte mir auch nicht die Wohnung aussuchen“, sagt sie, „sondern lediglich aus den beiden Wohnungen wählen, die im Oktober 2011 noch kein anderer wollte. Die Wohnung ist vom Grundriss sehr problematisch.“

Zwar hat sie jetzt 76 statt der 56 Quadratmeter zuvor, aber wesentlich weniger Stellfläche für Schränke. „Außerdem fehlen mir Speicher, Waschküche und Keller.“ Stattdessen hat sie einen Kellerersatzraum in der zweiten Wohnetage. Auch auf einen Balkon muss sie verzichten. Die großen Fensteröffnungen reichen bis zum Boden, aber unten lassen sie sich nicht öffnen.

In die tiefen Nischen hat Hildegard Hoffmann die Schemel des Biedermeier-Ensembles gestellt, mit dem sie das an die offene Küche angrenzende Esszimmer eingerichtet hat. „Mit diesem Raum bin ich schon sehr zufrieden“ sagt sie. Das Wohnzimmer wird wohl noch eine Weile brauchen, das Schlafzimmer ist insofern problematisch, als es viele Schrägungen hat und das Fenster lediglich die Ausmaße eines Oberlichts. Der Mauervorsprung ist so tief, dass sie es nicht aus eigener Kraft putzen kann.

An den Fenstern im Esszimmer hängt ein bunter Vorhang, der die Farben des Treppenhauses aufgreift. „Diese Entsprechung mag ich“, sagt sie. Dann fällt ihr Blick nach draußen, auf das Gelände des Kindergartens Herz Jesu. „Deswegen, und weil hier ab 14 Uhr die Sonne draufsteht, habe ich mich für diese Wohnung entschieden. Das wird wichtig, wenn ich mal nicht mehr gehen kann.“


Von Susanne Böhling

Veröffentlicht am 31.07.2012

 
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