Kirche in der Region Mönchengladbach
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Die Familienbildungsstätte Mönchengladbach bietet den Kidix-Kurs für Mütter und Kleinkinder an

In einer kurzen Kaffeepause finden die jungen Mütter Zeit, sich auszutauschen. Ein wichtiger Aspekt im Kidix-Kurs.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 41/2012

Sicher baden in bunten Bällen

Kidix heißt die neue Kursform, in der nicht nur Kleinkinder gefördert werden, sondern auch deren Eltern

Ein Kind zu bekommen ist eine aufregende Sache. Aber in die Freude über den Nachwuchs schleichen sich immer wieder Unsicherheiten und Ängste. Weil es kaum noch Großfamilien gibt, sind viele Frauen im Umgang mit Kleinkindern und deren Entwicklung ungeübt.

Hilfe finden sie bei der Familienbildungsstätte im Kidix-Kurs. Ein Besuch.

Yannick greift nach der Möhre. Seine kleinen Finger umschließen das Gemüse, er schiebt es in den Mund und kaut darauf herum. Hin und wieder schabt er mit seinen zwei Zähnchen ein Stück ab. Die anderen Mütter staunen, als Simone Tiedt ihrem Filius die Karotte gibt. „Ist das nicht zu hart?“, wird sie gefragt. Aber Simone Tiedt hat gute Erfahrungen damit gemacht. „Wenn wir gegessen haben, saß er immer dabei und damit er das Gefühl hat, mitzuessen, haben wir ihm die Karotte gegeben“, erzählt sie. Das Kauen auf der Möhre massiert das Zahnfleisch des Kindes und hilft beim Zahnen. In einer kleinen Pause zwischen Bewegungs- und Singspielen sitzen die Mütter beim Kaffee am Tisch und geben sich gegenseitig Tipps für den Alltag.

Ein erwünschter Effekt, sagt Annette Buschmann. Die 44-Jährige leitet den Kidix-Kurs der Familienbildungsstätte Mönchengladbach. Die Kursleiterin war in ihrem ersten Beruf Bankkauffrau. Als Mutter von drei Kindern im Alter von 14, zwölf und zehn Jahren weiß sie, was die Mütter bewegt. „Die meisten Frauen stehen bis zur Geburt voll im Beruf, danach befinden sie sich plötzlich in einem Paralleluniversum“, sagt Buschmann. Das Kind stellt ganz neue Anforderungen, der Tagesablauf richtet sich nach dem Nachwuchs. Während Freunde abends weggehen, singen sie zuhause Schlaflieder. „Dazu fehlt der intellektuelle Austausch mit anderen Erwachsenen“, weiß Busch- mann. Im Kidix-Kurs beschäftigen sich die Mütter mit ihren Kindern und mit sich selbst. Es geht auch darum, dass es ihnen gut geht.

Deshalb ist Yesim Turgut heute morgen auch gekommen. Die 31-Jährige schiebt erst ein halbe Stunde nach Kursbeginn den Kinderwagen mit ihrer schlafenden Tochter in den Raum. Während sie das zwölf Monate alte Mädchen im Wagen liegen lässt, setzt sie sich an den Tisch. „Wir hatten heute eine unruhige Nacht“, sagt die 31-Jährige. „Ich hatte schon daran gedacht, abzusagen. Aber es tut mir gut, hierhin zu kommen.“ Für Turugt ist die Gruppe auch eine kleine Ruheoase. Mit dem Kleinkind und ihrem sechsjährigen Sohn, der gerade in die Schule gekommen ist, hat sie zwei Kinder, die in völlig verschiedenen Entwicklungsphasen sind.

 

Hochheben, schaukeln, herzen und knuddeln

Für die Kinder hat der Tag mit Liedern begonnen. Im Kreis sitzen die fünf jungen Mütter auf der grünen Matte, ihre Kinder auf dem Schoß. Beim Singen kommen die Frauen in Bewegung. Sie heben ihre Kinder hoch, schaukeln sie hin und her, herzen, knuddeln und kitzeln sie. Die Kinder quietschen vor Vergnügen.

„Die Kinder sind gerade in einem Alter, in dem sie noch krabbeln, aber schon mit dem Laufen beginnen“, erklärt Buschmann. Das ist auch das Alter, in dem die Mütter abstillen. Die erste Loslösungsprozess der Kinder von ihren Müttern. Der Bewegungsradius der Kleinen vergrößert sich, sie entdecken die Welt. Auch gibt es erste Reaktionen auf die Außenwelt: Die Kinder erkennen sich, wenn sie sich sehen, und zeigen, welches Spiel ihnen gefällt und welches ihnen nicht so liegt. Nach zwanzig Minuten Kinderstemmen beim Singen sind die Mütter etwas außer Atem. Eine Pause tut jetzt gut.

Wie klappt es mit dem Essen und wie viel ist eigentlich genug? Melanie Schmitz (34) macht sich momentan Gedanken über den großen Appetit ihres Sohnes Juko. Sie hat bei der Anmeldung zu Kidix vor allem Kontakt zu anderen Müttern gesucht. „Ich bin erst vor kurzem aus Köln hierher gezogen“, erzählt sie. Im Internet ist sie auf die Kidix-Gruppe gestoßen. Die Hilfe bei Pflege- und Erziehungsfragen sind ein angenehmer Nebeneffekt.

 

Ältere Mütter sind oft unsicherer als jüngere

So unterschiedlich wie die Kinder sind auch die Mütter. „Bei ganz jungen Müttern beobachte ich oft, dass sie einfach machen, ältere Mütter sind häufig etwas unsicherer“, sagt Buschmann. „Die Gesellschaft verändert sich und schon an die Kinder wird eine Leistungserwartung gestellt. Wenn ein Kind etwas nicht schafft, dann wird oft angenommen, mit der Mutter stimme etwas nicht.“ Aber was muss ein Kind im Alter von zwölf bis 15 Monaten eigentlich können? „Jedes Kind kann etwas anderes“, sagt Buschmann. Während das eine seinen eigenen Krabbelstil entwickelt, zieht sich das nächste schon an Schränken und Stühlen hoch. Das eine greift einen Ball und wirft in gezielt zu seinem Gegenüber, das andere wühlt einfach im Bällchenbad und wundert sich über das vielfache Klackern. Der Leistungsdruck habe sich besonders in den vergangenen zehn Jahren verstärkt. „Als ich meine erste Tochter bekommen habe, war das noch nicht so“, erinnert sich Buschmann. Die Gruppe nimmt von den Frauen ein bißchen von dem Druck.

Das Bällchenbad finden die meisten Kinder offensichtlich schön. Sie sitzen inmitten der bunten Masse, liebevoll beobachtet von den Müttern, die sie jederzeit auffangen, wenn es den Kleinen zu viel wird. Nur ein kleiner Junge hat noch etwas Interessanteres entdeckt. Zielstrebig krabbelt er in Richtung der großen Sitzkissen in Treppenform, die unter dem Fenster gestapelt sind. Sie führen direkt zu einer Steckdose. Die Mutter des entdeckungsfreudigen Knirpses bleibt ruhig. Sie lässt den Junior machen, bis er nur noch einige Krabbelschritte vor der Steckdose ist. Dann greift sie ein. Eine kurze, sichere Wende auf Mamas Arm, schon steht der Kleine auf seinen strammen Beinchen und wagt ein paar wackelige Schritte durch den Raum.

Die entspannte Atmosphäre im Raum ist wichtig, findet Annette Buschmann. Durch die großen Fenster strömt das Licht und reflektiert warm an den zartgelben Wänden. Bunte Kissen und Matten, Kinderstühle und -tische sowie Kisten mit Bauklötzen geben dem Zimmer eine familiäre, fröhliche Atmosphäre.

 

Bedürfnisse der Eltern sind gleichberechtigt

Die Inhalte von Kidix sind nicht alle neu erfunden worden. Aus bestehenden Konzepten für Eltern-Kind-Gruppen wurde Kidix von der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Erwachsenen- und Familienbildung NRW entwickelt. Neu ist dabei vor allem, dass die Bedürfnisse der Eltern nun gleichberechtigt neben denen des Kindes berücksichtigt werden. Annette Buschmann gehört zur ersten Generation der speziell ausgebildeten Kidix-Leiterinnen: „Es gibt so viele Parallelen bei den Fragen der Frauen, da ist so ein Kurs für sie viel wert – zumal dort auch so manche Freundschaft beginnt.“


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 15.10.2012

 
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