Kirche in der Region Mönchengladbach
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FAbian Stein bei seinem Vortrag im Rahmen der Autismus-Tagung in Mönchengladbach

Fabian Stein hat bei seinem Vortrag nicht nur mit Lampenfieber zu kämpfen. Der 19-Jährige lebt mit dem Asperger-Syndrom. Für ihn bedeutet der Auftritt vor 170 Menschen eine schmerzhafte Reizüberflutung.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 22/2012

Der Ausbruch aus der Isolation

Bei der Autismus-Tagung erzählt Fabian Stein über sein Leben als Jugendlicher mit Asperger-Syndrom

Menschen mit Autismus verhalten sich gegenüber ihrer Umwelt befremdlich. Die Entwicklungsstörung macht es den Betroffenen schwer, soziale Kontakte zu knüpfen oder zu kommunizieren. Mit Hilfe von Therapien können sie aber schon im Kindesalter lernen, in der Welt „der Anderen“ zurechtzukommen.

Sie können zur Schule gehen, eine Ausbildung machen und ins Berufsleben einsteigen. Bei der Autismus-Tagung in der Bischöflichen Marienschule berichtete Fabian Stein über seinen Weg. Für ihn ist es schwer, auf der Bühne zu stehen und vor rund 170 Menschen einen Vortrag zu halten. Der 19-Jährige hat sich gut vorbereitet und liest seine Geschichte vom Blatt ab. Sein Körper wirkt angespannt, hin und wieder macht er eine Geste mit seinem linken Arm. Dabei plagt den Schüler des Erasmus-van-Rotterdam-Gymnasiums in Viersen nicht nur das Lampenfieber. Für ihn bedeutet der Vortrag auch Schmerz, weil die vielen Augen, die ihn ansehen, die Fragen der Zuhörer und das Drumherum im Raum eine Reizüberflutung darstellen. Fabian Stein hat das Asperger-Syndrom.

 

Schmerzen durch eine enorme Reizüberflutung

Schon in seiner Kindheit fiel sein ungewöhnliches Verhalten auf. Fabian Stein konnte zu den anderen Kindern keinen Kontakt herstellen. „Ich hatte schon Probleme und Schmerzen, wenn ich mit einem Mitschüler an einem Tisch sitzen musste“, erzählt der 19-Jährige. Im Alter von 14 Jahren bekamen er die Diagnose.

Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus. Dabei handelt es sich um eine angeborene Wahrnehmungs- und Entwicklungsstörung des Gehirns. Die Betroffenen können zum Beispiel die Mimik ihres Gegenübers nicht richtig deuten und entsprechend reagieren. Der Kontakt mit anderen überfordert sie – das gilt zum Teil auch bei sehr vertrauten Personen.

Reaktionen der Umwelt müssen übersetzt werden

In seinem Vortrag erzählt Fabian Stein von seiner Zerrissenheit. „Ich wollte mit den Normalos in Kontakt treten, hatte aber keine Ahnung über die Basics der Kommunikation“, sagt er. Die enorme Reizüberflutung, die er empfunden hat, schmerzte ihn. Viele Pausen hat der Junge einsam im Klassenzimmer zugebracht, um der Reizüberflutung zu entfliehen. Aber das war nicht das Richtige, denn auch die Isolation war schmerzhaft.

Die Diagnose sei eine Erleichterung gewesen: Lehrer wussten, warum der Schüler Stein anders reagiert als der Rest der Klasse. Auch Mitschüler konnten sich besser auf ihn einstellen. Mit der Hilfe von Mitschülern, Eltern und Lehrern schaffte er es, kommunikationsfähiger zu werden. Dabei hilft ihm, dass er mit seinem Therapeuthen Rainer Wassong und seinen Eltern Situationen trainieren kann. Sie helfen ihm, die Reaktionen seiner Umwelt zu übersetzen.

„Es ist wie bei einem Mann, der nur ein Bein hat, aber selbst laufen will: Man muss sehr viel trainieren“, sagt Stein. „Was für die Normalos ein alltägliches, unwichtiges Detail ist, ist für mich ein großer Schritt zur Unabhängigkeit und Normalität.“ Auch seine Mitschüler haben das erkannt und ihn 2011 zum Schüler des Jahres gewählt.

Wie schwer der Vortrag für Fabian Stein wirklich ist, zeigt sich in der Fragerunde. Der Beistand des Therapeuten, der nun mit ihm auf der Bühne steht, gibt dem jungen Mann Sicherheit. Am besten kann er antworten, wenn ihm eine konkrete Frage gestellt wird. Betroffenehitsfloskeln dagegen sind für ihn nicht greifbar.

 

Ein Austausch mit einer fremden Kultur

Besonders die Motivation des Schülers, trotz des empfundenen Schmerzes immer wieder den Kontakt zu seiner Umwelt zu suchen, interessiert die Zuhörer. „Für mich ist das wie ein Austausch zwischen zwei Kulturen“, sagt Stein. „Mich hat die Kultur der Normalos immer interessiert und ich möchte mich darin genauso zurechtfinden und bewegen können wie in meiner eigenen Kultur.“ In diesen Tagen legt der 19-Jährige die Abiturprüfung ab. Danach will er studieren. Genau wie für seine Mitschüler ist das für ihn ein weiterer Schritt zu mehr Freiheit, wenn auch die Stufen, die er erklimmen muss, höher sind.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 01.06.2012

 
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