Kirche in der Region Mönchengladbach
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Diskussion über Fanatismus in der jüdischen Gemeinde Mönchengladbach

Yitzhak Hoenig, Yilmaz Karaca, Wolfgang Bußler, Olaf Nöller, Antje Brand und Leah Floh (v. l.) diskutierten in der Synagoge.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 11/2015

Fanatismus ist nicht in Gottes Sinne

Jüdische Gemeinde lud andere Religionen zum kritischen Austausch

Gibt es einen richtigen Glauben? Und was können die Religionen gemeinsam gegen Rassismus und Extremismus tun? Im Rahmen der jüdischen Kulturtage wurden in Mönchengladbach Antworten gesucht.

In einer öffentlichen Diskussionsrunde haben die Vertreter der abrahamitischen Religionen ihre Positionen ausgetauscht. In einem Punkt waren sie sich einig: „Gott schickt keine Attentäter los.“

Der Eintritt in die Synagoge in Mönchengladbach zeigt, wie aktuell und dringlich die Diskussion ist: Der Besucher muss durch eine Sicherheitsschleuse, in der die Innentür erst geöffnet wird, wenn die Außentür geschlossen ist. Drinnen sitzt jemand an den Monitoren und beobachtet den Eingang, Ausweise werden kontrolliert, Namen notiert. Zwei Polizisten sollen für die Sicherheit sorgen, aber ihre Anwesenheit ist nur Beweis, dass es Sicherheit nicht gibt. 70 Jahre nach Kriegsende ist wieder ein deutlicher Rechtsruck zu spüren. Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit scheinen neuen Nährboden zu bekommen. In den Nachrichten wird über Anschläge auf Synagogen berichtet. Und oft wird der Terror mit dem „wahren Glauben“ begründet. Aber was können Juden, Christen und Muslime zusammen dagegen tun? Wie sollen sie dem Terror begegnen? Zur Diskussion über das Thema „Gegen Extremismus – für eine Entwicklung der Kulturkontakte“ hat der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Mönchengladbach, Yitzhak Hoenig, die Vertreter der anderen Religionen in die Synagoge eingeladen. Leah Floh, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, moderierte den Abend.

Ihre erste Frage war provokant: „Ist es genug, ein Christ, ein Jude oder ein Muslim zu sein, um ein guter Mensch zu sein?“ Für den katholischen Pfarrer Wolfgang Bußler, Mitglied in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, ist eines klar: „Wir haben eine Gesellschaft, in der viele Menschen mal Christen waren, sich aber nicht mehr dem Glauben verbunden fühlen. Trotzdem kann man ein guter Mensch sein. Ich brauche meinen Glauben und halte ihn für modern.“

Auch sein evangelischer Kollege Olaf Nöller machte den Wert eines Menschen nicht an seinem Glauben fest. „Dass jemand religiös ist, ist noch keine Garantie dafür, dass er gut ist.“ Christentum, Judentum und Islam seien Sammelbegriffe, mit denen unterschiedliche Strömungen zusammengefasst würden, sagte Nöller. „Die Menschen sind auf der Suche. Und die, die auf der Suche sind, sind manchmal anfällig für Extremismus.“ Jungen Menschen einen Halt zu geben, sie anzuhören und sie in ihrem Glauben anzuleiten und zu begleiten sei ein wichtiger Faktor zur Vorbeugung von Radikalismus, zeigte sich Rabbi Hoenig überzeugt. Er nannte dafür einen Begriff: „Erziehung.“

Hier sah auch die evangelische Pfarrerin Antje Brand einen wichtigen Aspekt. „Meine Aufgabe ist es, zu schauen, dass niemand abgehängt wird in der Gesellschaft“, sagte sie. „Viele, die nach Syrien gehen, haben hier keine Chance gesehen und denken, sie seien groß, wenn sie ein Maschinengewehr in der Hand halten.“ Neben der gesellschaftlichen Aufgabe maßen die Diskutanten auch der Deutung der Schriften eine große Rolle im Kampf gegen Extremismus und Fanatismus bei. „Jedes heilige Buch muss gedeutet werden“, sagte Bußler. „Ich sage das jetzt etwas großspurig. In der katholischen Kirche dürfen wir auch erst seit 100 Jahren so denken.“

Die Deutung der Schriften sah auch Yilmaz Karaca, muslimischer Vorsitzender des Integrationsrats in Mönchengladbach, als einen wesentlichen Punkt. „Wir können den Koran natürlich nicht mehr neu schreiben“, sagte er. „Aber die Menschen können umdenken. Fanatiker gibt es überall. Aber alle Religionen sind Friedensreligionen.“ Die Frage, ob Gott schuld sei an Krisen, Mord und Verfolgung, verneinten alle Religionsvertreter einhellig. „Jeder Mensch, der auf die Welt kommt, muss im Endeffekt seinen Weg im Leben finden“, sagte Karaca. „Aber Gott schickt keine Attentäter los.“ Er erinnerte daran, dass die islamistischen Terroristen auch Muslime umbringen.

Antje Brand sah in der Frage, wie Gott Terror, Verfolgung und Gewalt zulassen könne, einen Versuch, die eigene Verantwortung abzugeben. „Diese Frage würde bedeuten, dass Gott ständig in unser Leben eingreift“, gab sie zu bedenken. „Aber das wollen wir ja eigentlich nicht. Wir wollen ja selbstbestimmt handeln.“ Im Hinblick auf den Islam erinnerte Brand daran, dass für das Christentum die Zeit der Aufklärung prägend gewesen sei und eine Wende gebracht habe. „Diese Zeit fehlt im Islam“, sagte sie. Allerdings warnte sie die Christen davor, den Muslimen zu empfehlen, den Koran kritisch zu lesen. „Das wäre vermessen, wir haben schließlich selber genug Dreck am Stecken“, sagte sie. „Aber wir sind alle Gottes Kinder.“

Den Weg zu mehr Verständnis sah Karaca vor allem im Dialog und in der Begegnung. „Wenn ein Tag der offenen Moscheen ist, sollten die Christen und Juden zu uns kommen“, forderte er. „Umgekehrt müssen wir beim Tag der offenen Kirchen die Gotteshäuser der Christen besuchen.“ Damit griff er eine Praxis auf, die in Mönchengladbach beim letzten Tag der offenen Gotteshäuser bereits gelebt wurde. Auch im Anschluss an die Diskussion wurde die Gelegenheit zur Begegnung genutzt. Die Jüdische Gemeinde lud die Besucher ein und gab einige Kostproben ihrer Kultur: Der Shalom-Chor stellte jüdische Lieder vor, die Tanzgruppe der Gemeinde zeigte einige Tänze.

 

Zitiert

"Es wäre vermessen zu empfehlen, den Koran kritisch zu lesen. Wir haben selber genug Dreck am Stecken."
Antje Brand, evangelische Pastorin


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 11.03.2015

 
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