Kirche in der Region Mönchengladbach
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Kirche begleitet Menschen im Braunkohlerevier

Die Kirche von Immerath wurde am 13. Oktober 2013 entwidmet. Der Ort ist fast leer. Zum Protest kam nochmal Leben rund um die Kirche.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 21/2015

Eine klassische Tragödie

Der Ausstieg aus dem Braunkohleabbau ist nicht ganz so einfach, wie es wünschenswert wäre

Mit einer Menschenkette wurde Ende April gegen Garzweiler II demonstriert. Die Menschen forderten den Stopp des Kohleabbaus. Ein wichtiges Argument ist der Erhalt der Natur und die Folgen der Umsiedlungen für die Betroffenen. Das ist nur eine Seite der Medaille.

Die meisten der Demonstranten sind guter Laune – obwohl das Thema nicht zum Spaßen ist. Hinter der 7,5 Kilometer langen Menschenkette liegt sie, die große Tagebau-Grube. Meter für Meter fressen sich hier die Braunkohle-Bagger durch die Erdschichten. Dörfer, die ihnen im Weg stehen, werden vorher geräumt und die Häuser zerstört. Der Ort Garzweiler, nach dem das Tagebaugebiet benannt wurde, ist schon vor vielen Jahren abgebaggert worden. Heute ist der Name Synonym: den einen für Vertreibung und Zwangsumsiedlung, den anderen für Arbeit und deren drohender Verlust. Zwei Ansichten, die heftig aufeinander prallen.

 

Die Sorgen der Menschen sind die Sorgen der Kirche

Mit den Folgen der Umsiedlungen für die Menschen hat sich Reiner Lövenich schon in seiner Diplomarbeit 1993 befasst. Zusammen mit seiner Kommilitonin Diana Seibold untersuchte er damals „Die Rolle der katholischen Kirche im Bistum Aachen im Rheinischen Braunkohlerevier“. Zwar sei die Kirche schon früh im Feld von Garzweiler II tätig gewesen, ist eines der Ergebnisse der Arbeit. Aber wie heute, konnte die Kirche schon vor fast 25 Jahren die Umsiedlung nicht verhindern, sondern den Betroffenen lediglich beistehen. „Die Sorgen und Nöte der Menschen sind die Sorgen und Nöte der Kirche, aber geholfen werden kann nur im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten“, ist ein Zitat aus der Arbeit.

Bei der Abschlusskundgebung im fast leeren Ort Immerath hat der Verein zur Förderung der Kirchlichen Umwelt (FKU) einen Stand aufgebaut. Hier können die Demonstranten das Zitat lesen. Auch das Klima-Kreuz präsentiert der FKU. Darauf stehen die Namen einiger der bisher umgesiedelten Dörfer. Auch Reiner Lövenich ist vor Ort, um mit den Menschen zu sprechen. „Alte Menschen, die nach dem Krieg die Vertreibungen erlebt haben, sagen, dass die Umsiedlungen schlimmer als der Krieg seien“, berichtet der FKU-Vorsitzende. „Der Grund ist, dass sie in die Heimat wiederkehren konnten und alles wieder aufbauen. Aber beim Tagebau kann man nichts mehr aufbauen. Die Orte sind schlicht nicht mehr da.“

 

Hinter den Zahlen stehen Schicksale

Der FKU hat dazu auf Schautafeln einige Zahlen zusammengestellt: „In der Zeit des Abbaus, von 1950 bis 2045, werden rund 45 000 Menschen aus ihren Dörfern an neue Standorte umgesiedelt. 130 Dörfer und Weiler werden zerstört, 6400 Jahre Spuren und Zeugnisse menschlichen Lebens, Wirkens und kulturellen Gestaltens vernichtet.“ Hinter den Zahlen stehen Schicksale. Aber nicht nur für die Menschen sieht Lövenich die Verantwortung. Auch die Umwelt braucht Beistand.

 

Mit dem Tagebau wird Schöpfung vernichtet

„Mit dem Tagebau wird Schöpfung vernichtet“, sagt Lövenich. „Die Schöpfung ist ein Kernthema der Kirche. Nicht nur beten, auch handeln ist gefragt.“ Daran soll das Klima-Kreuz erinnern. Zum ersten Mal wurde das 3,24 Meter hohe Holzkreuz beim Katholikentag in Osnabrück 2008 präsentiert. Seitdem geht es auf Reisen. Es ist ein gemeinsames ökumenisches Projekt des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Aachen, des Evangelischen Kirchenkreises Jülich und des FKU. Die Holzbalken stammen aus einem Bauerngehöft der Ortschaft Holz in der Gemeinde Jüchen. Die Bewohner von Holz wurden in der Zeit von 2000 bis 2006 umgesiedelt, das Dorf 2011 abgebaggert. „Das Kreuz ist noch nie so oft fotografiert worden, wie heute“, sagt Lövenich. Der Grund könnte darin liegen, dass die Gegner des Braunkohleabbaus wieder Hoffnung schöpfen: Nicht nur, dass einige Dörfer wie Holzweiler bei Erkelenz nun doch nicht umgesiedelt und abgebaggert werden. Auch die Notwendigkeit alternativer Energien ist anerkannt.

 

Auch Tagebau-Mitarbeiter müssen aus ihren Dörfern

Auf der anderen Seite stehen neben handfesten wirtschaftlichen Interessen des Energiekonzerns RWE Power ebenfalls menschliche Schicksale. Denn am Tagebau hängen Arbeitsplätze, hier verdienen Menschen ihren Lebensunterhalt – nicht nur beim Energieriesen, auch in kleinen Firmen wie Zuliefer- oder Handwerksbetrieben. Und dieseArbeitnehmer leben nicht irgendwo. Viele von ihnen müssen ebenfalls ihre Häuser verlassen und dem Tagebau weichen. Auch diese Menschen hoffen auf den Beistand der Kirche. Ihre Ängste sind verständlich. Der Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet oft den ersten Schritt in die gesellschaftliche Isolation. Besonders wer schon älter ist oder einen Beruf hat, der auf dem Arbeitsmarkt außerhalb des Tagebaus nicht gefragt ist, hat es schwer, einen neuen Job zu finden. Und je länger die Arbeitslosigkeit dauert, umso schwieriger wird die Suche.

Arbeitslosigkeit und besonders Langzeitarbeitslosigkeit haben für die Betroffenen schwerwiegende Folgen. Gesundheitliche und psychische Probleme wie Depressionen stehen an erster Stelle. Dazu kommt die zunehmende Entwertung der eigenen Qualifikationen, je länger die Arbeitslosigkeit dauert. Finanzielle Probleme drücken, und oft schämen sich die Betroffenen für ihre Situation. Sie ziehen sich zurück, sind gesellschaftlich und sozial isoliert. Nicht nur der Arbeitslose leidet unter der Situation. Auch Angehörige sind davon betroffen, wenn Wohlstand, Selbstachtung, soziales Ansehen und Lebenschancen schwinden.

 

Sich auf eine Seite stellen, ist für Kirche schwer

Vor diesem Hintergrund wird es für die Kirche und die ihr nahestehenden Organisationen schwer, sich klar auf eine Seite zu stellen. Vor allem, wenn sie den Anspruch haben, sich für Menschen am Rande und in Notsituationen einzusetzen. Denn beide Seiten hoffen mit Recht auf den Beistand der Kirche – und dürften in ihren Erwartungen enttäuscht werden. Das zeichnet sich jetzt schon ab.

Das Engagement und der Aufruf des Diözesanrats der Katholiken, an der Menschenkette gegen den Tagebau teilzunehmen, sei von Tagebau-Mitarbeitern kritisch gesehen worden, berichtet Ulrich Clancett, Regionaldekan der Region Mönchengladbach. Sie seien enttäuscht gewesen und fühlten sich allein gelassen. Wie man die Medaille auch dreht: Beide Seiten haben ein Recht darauf, dass man ihre Ängste ernst nimmt. 60 Jahre nach Beginn ist ein Ausstieg aus dem Braunkohleabbau nicht so einfach, wie es wünschenswert wäre.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 20.05.2015

 
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