Kirche in der Region Mönchengladbach
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Musilim Shamsudin Achmanow pilgert auf dem Jakobsweg

Schon in seiner Heimat war Shamsudin Achmadow ein anerkannter Künstler. Seit 1996 lebt und arbeitet er in Deutschland.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 23/2013

Die Suche nach Gott

Der Muslim Shamsudin Achmadow pilgert auf dem Jakobsweg

Weil er nicht nach Mekka pilgern kann, hat der Mönchengladbacher Künstler Shamsudin Achmadow einen anderen Weg gewählt, um Gott nahe zu sein. Im Jakobsweg hat er eine Alternative zur traditionellen Pilgerreise der Muslime gefunden.

So einfach lässt sich Shamsudin Achmadow nicht von dem Wunsch nach einer Pilgerreise abbringen. „Das Pilgern ist Suche nach Gott“, sagt der 55-Jährige Sufi. Die Sufis sind eine mystisch orientierte Untergruppe der sunnitischen Mehrheit im Islam. Zu der gehören beispielsweise auch die Derwische. Diese asketische Ordensgemeinschaft erlangte Berühmtheit durch die Mitglieder, die sich drehend in Trance versetzen, um Allah nahe zu kommen. „Und wir Sufis müssen Gott suchen“, erklärt Achmadow.
Shamsudin Achmadow würde auch nach Mekka pilgern. Die Reise zu dem heiligen Ort in Saudi-Arabien empfindet er – wie jeder Muslim – als Pflicht. Schließlich ist sie eine der fünf Säulen des Islam. Aber dem Mönchengladbacher Künstler ist die politische Lage im Nahen Osten nicht friedlich genug. So ist es für ihn naheliegend, sich der Pilgerwege der Christen zu bedienen. Ende Mai wird er sich anstatt nach Osten gen Westen wenden und sich auf den Jakobsweg machen, ganz offiziell mit dem in Aachen ausgestellten Pilgerpass. „Ich habe mich erkundigt, sie haben mir am Telefon gesagt, dass meine Religionszugehörigkeit zum Islam kein Hinderungsgrund sei“, sagt er und freut sich.


1996 vor dem Krieg in der Heimat geflohen

Von gewalttätig ausgetragenen Konflikten hat Achmadow die Nase voll. Schließlich ist er mit seiner Frau 1996 vor dem Krieg aus seinem Heimatland Tschetschenien im Süden der früheren Sowjetunion nach Deutschland geflohen. Die beiden Söhne kamen kurze Zeit später nach, die Tochter wurde vor zehn Jahren in Mönchengladbach geboren.
„Alles war kaputt“ erinnert er sich an die Gründe, seine Heimat im Kaukasus zu verlassen. Betroffen war davon auch das Atelier des dort renommierten Künstlers. Das Zacharow-Museum in Grosny, das ihm 1994 eine Einzelausstellung widmete, wurde mitsamt seinen Exponaten bei einem Bombenangriff zerstört. Achmadow war bereits 1982, als 24-Jähriger, in den russischen Künstlerverband aufgenommen worden und hatte an allen bedeutenden Orten der Sowjetunion ausgestellt. Das alles hat er hinter sich gelassen. „Wir waren froh, dass wir mit dem Leben davon gekommen sind“, sagt er. Seine pazifistische Einstellung spiegelt sich auch in der Beteiligung an der Ausstellung „Konfliktregion Kaukasus“ in Hamburg 2008 wieder.


Skizzenblock und Stifte kommen mit

Ein anderer Grund, nicht nach Mekka zu pilgern, liegt in seinem staatsbürgerlichen Status. Er und seine Familie sind hier als politische Flüchtlinge anerkannt, geduldet, sie haben sogar eine Aufenthaltsgenehmigung und dürfen hier arbeiten, aber sie sind immer noch keine deutschen Staatsangehörigen. „Deshalb komme ich in viele Länder nur mit einem Visum“, beschreibt er sein Problem, „das bekomme ich meistens nicht.“ Lediglich in Länder des Schengen-Abkommens kann er Reisen. Eine Ausstellung in England beispielsweise scheiterte am Visum. Auch eine Reise in die USA ist undenkbar. „Als staatenloser muslimischer Russe lassen sie mich nicht einreisen“, sagt er. Dass weder er noch seine Frau in die Heimat reisen konnten, als die Eltern im Sterben lagen, war besonders bitter.
In Mönchengladbach wurde er sofort nach Gründung der städtischen Kunstförderung c/o von Kurator Hubertus Wunschik in die durch das städtische Kulturbüro anerkannte Riege der c/o-Künstler aufgenommen. Nicht weniger als 500 Schüler konnten von seinem Können profitieren, anfangs in der von ihm mitbegründeten Moskauer Schule, Akademie für Malerei, jetzt unter eigener Regie.


Drei Monate rechnet er für den Pilgerweg

Seinen Pilgerweg wird Achmadow von Beginn an zu Fuß machen. Er rechnet mit zwei bis drei Monaten für den Weg, hat im Rucksack nur das nötigste: Schlafsack, ein kleines Zelt, etwas Wäsche zum Wechseln, Kochgeschirr, Besteck, nicht zu vergessen das Tagebuch und den Skizzenblock.
Den wird er brauchen, denn er will sich seine Reise unterwegs mit Malen finanzieren: Sich auf die Marktplätze setzen und die Menschen in einer Kohlezeichnung portraitieren, so, wie er es in Vorst (Tönisvorst, Kreis Viersen) beim Markt „Kunst, Kultur und Kulinarisches“ immer macht.


Augenblicke in der Natur, die er vermisst

Beim Pilgern erwartet er sich auch Anregungen für seine Kunst. Augenblicke in der Natur, die er an seinem Wohnort Mönchengladbach vermisst, von denen seine Bilder jedoch sprechen. Auch wenn Formen und Strukturen nur wenig gegenständlich sind, so drängt sich beispielsweise unweigerlich der Eindruck einer Schlucht auf, in die sich ein Wasserfall stürzt, in dem sich das Licht sammelt. Oder das Licht bricht durch das dunkle Dickicht des Waldes und zeichnet schwarz und scharf den Umriss eines Baumes.  „Gott ist Licht“, sagt Achmadow. Eine Labsal im Dunkel, das sonst herrscht und das in seinen Bildern ebenfalls den entsprechenden Raum hat. Das erklärt die spirituelle Dimension seiner Werke, deren mystische Tiefe die Betrachter in den Bann zieht. „Mit einem Bild darf der Betrachter nicht fertig werden“, sagt er über den eigenen Anspruch an seine Kunst. „Man muss auch nach Wochen, Monaten und Jahren etwas Neues darin entdecken.“
Achmadow hat im Kommunismus Bildhauerei und Malerei studiert. Zu dieser Zeit hatte die Kunst den Forderungen des sozialistischen Realismus zu genügen, in der Religion keinen Platz hatte. „Aber wir wurden perfekt in Technik ausgebildet“, sagt er. „Das ist eine sehr gute Grundlage für gute Bilder.“
Der Unternehmer Günter Kreitz, der bereits vor zehn Jahren ein erstes Bild von Achmadow gekauft hat und nun die Pilgerreise ermöglicht, beschreibt die Faszination: „Die Farben sind so weich, und dann dieses Licht! Darin kommt für mich ,Es werde Licht!‘ zum Ausdruck“, jener Ausspruch aus dem Buch Genesis, mit dem alles begann.


Von Susanne  Böhling

Veröffentlicht am 10.06.2013

 
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