Kirche in der Region Mönchengladbach
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Sabine Roox und Melanie Plücken vom Frauenhaus Mönchengladbach

Sabine Roox und Melanie Plücken (v. l.) haben 2010 rund 100 Frauen und 93 Kinder im Frauenhaus aufgenommen. Hier finden sie Schutz vor gewalttätigen Partnern und Familienangehörigen.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 18/2012

Zuflucht Frauenhaus

Seit 33 Jahren finden misshandelte Frauen im Frauenhaus Hilfe

Was hinter der Wohnungstür geschieht, geht den Rest der Welt nichts an. Und der will es oft auch gar nicht wissen: Auffällige Blutergüsse werden ignoriert, bei Beschimpfungen wird weggehört.

Häusliche Gewalt ist auch heute noch ein gesellschaftliches Tabuthema. Um Hilfe zu finden, müssen die Betroffenen ihre Scham überwinden. Seit 33 Jahren hilft das Frauenhaus des Sozialdienstes katholischer Frauen misshandelten Frauen, eine neue Zukunft aufzubauen.

„Rosenstraße 76“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Citykirche. Die Besucher schauen hinter die verschlossene Wohnungstür und finden dort Spuren häuslicher Gewalt. Was sonst als schlechtes Benehmen gilt, ist hier ausdrücklich erwünscht: Schränke dürfen aufgemacht werden, im Tagebuch des Kindes darf gelesen werden, die Besucher sollen sich in das Leben der Bewohner einmischen.

Genau das würde den betroffenen Frauen in der Realität schon ein gutes Stück weiterhelfen. Dabei müssen Freunde und Bekannte gar nicht so weit gehen, in fremden Schränken zu wühlen. „Wir hatten mal eine Frau mit auffälligen Blutergüssen im Gesicht, die weder im Kindergarten vom Personal noch von anderen Müttern oder von Nachbarn jemals darauf angesprochen worden ist“, sagt Melanie Plücken. Die Diplom-Sozialpädagogin hilft zusammen mit ihren Kolleginnen Sabine Roox (Hauswirtschafterin) und Anette Ochmann (Erzieherin) den Frauen, sich aus gewalttätigen Beziehungen zu lösen und für sich und ihre Kinder eine neue Zukunft aufzubauen. Schon die Antwort auf die Frage, wo Gewalt anfängt, fällt vielen Frauen schwer. „Das umfasst jede Art von physischer, psychischer, sozialer oder sexueller Gewalt“, stellt Melanie Plücken klar. Doch in der Realität erlebt sie oft, dass vielen Frauen die Beschimpfungen durch den Partner, die Ohrfeige oder die Isolation von der Außenwelt kaum als Gewalt wahrnehmen. Dabei ist es nicht nur der Partner, der Gewalt ausübt. Gerade bei muslimischen Frauen erleben die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen häufig, dass auch Eltern und Geschwister oder andere Familienmitglieder gegenüber Frauen gewalttätig werden.

Sich aus dieser Situation zu lösen, ist für die Betroffenen oft eine Herkulesaufgabe. Da ist zum einen die Ungewissheit, was ihnen die Zukunft bringt. „Die Frauen haben oft schon ganz lange Gewalt erlebt, bevor sie zu uns kommen“, sagt Plücken. „Sie zweifeln an sich, wollen den Kindern nicht ihr Zuhause nehmen.“ Zudem gebe es viele Familien, in denen Gewalt toleriert werde. Auch der ökonomische Faktor spiele eine Rolle, wenn die Frauen nicht selbst berufstätig sind. „Und sie müssen sich von den Erwartungen ihres Umfelds, aber auch ihrem eigenen Lebenskonzept verabschieden“, weiß Plücken. Der Traum von der heilen Welt mit Kindern, Häuschen und Garten zerplatzt. Dabei ist häusliche Gewalt keine Frage der sozialen Schicht. „Davon ist die Hartz-IV-Empfängerin genauso betroffen wie die promovierte Akademikerin“, sagt Plücken: „Gewalt kommt in allen Schichten vor.“

Acht Frauen mit maximal zwölf Kindern kann das Frauenhaus in Mönchengladbach, das vom Sozialdienst katholischer Frauen getragen wird, aufnehmen. 2011 haben 100 Frauen mit 93 Kindern diese Hilfe in Anspruch genommen. Davon waren 60 zum ersten Mal im Frauenhaus, 32 hatten schon früher einmal Zuflucht im Frauenhaus gesucht. „30 Prozent der Frauen sind im vergangenen Jahr zu Partner und Familie zurückgekehrt“, sagt Plücken. Für Außenstehende unverständlich, doch hat Plücken eine einfache Erklärung für dieses Phänomen. „Der Mann entschuldigt sich für sein Verhalten, gelobt Besserung und bemüht sich um die Frau“, sagt sie. „In dieser Situation kommen den Frauen Zweifel, es fällt ihnen schwer, die Trennung beizubehalten. Die emotionale Abhängigkeit ist ein schwerwiegender Faktor.“

Egal, wie sich die Frauen entscheiden: Es gehört zu den festen Regeln des Frauenhauses, dass sie die Adresse nicht verraten dürfen. Aus Sicherheitsgründen. Denn nur die absolute Anonymität garantiert die Sicherheit der Frauen. Um nicht auffindbar zu sein, werden die Frauen auch, wenn sie es denn wünschen, in anderen Frauenhäusern untergebracht. In einem Netzwerk stehen die Frauenhäuser in Kontakt und unterstützen sich gegenseitig.

Der erste Kontakt zum Frauenhaus erfolgt immer telefonisch. Aber auch die Polizei, soziale Dienste, Rechtsanwälte oder sogar Schulen und Kindertagesstätten vermitteln den Kontakt zum Frauenhaus-Team. „Dann holen wir die Frauen am vereinbarten Treffpunkt ab und bringen sie in das Haus“, erklärt Plücken das Procedere. Hier finden die Frauen helle, einladende Räume, ein eigenes Zimmer für sich und ihre Kinder, eine Gemeinschaftsküche und ein Spielzimmer, das ein wertvoller Treffpunkt im Alltag ist.

Den Frauen wird Ruhe gegeben, ihre Situation zu überdenken, in Gesprächen werden Lösungen und Perspektiven entwickelt und Hilfsangebote vermittelt. Zudem sind die Frauen in der Trauerphase, die sich oft erst nach einigen Wochen einstellt, nicht alleine. „Die Frauen haben hier die Zeit und den geschützten Raum, sich neu zu orientieren“, sagt Plücken. „Wichtig ist, dass die Entscheidung bei den Frauen gereift ist.“ Denn nur dann sind die Frauen in der Lage, aus der Opferrolle herauszutreten und für sich und ihre Kinder die Verantwortung für ein neues Leben zu übernehmen. Ein wichtiger Schritt, um die Kraft, die sie bisher zum Überleben brauchten, für die Gestaltung einer neuen Zukunft nutzen zu können.

www.skf-mg.de, Telefon: 02161/981889


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 08.05.2012

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