Kirche in der Region Mönchengladbach
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Ehrenamtliche Initiativen in der Flüchtlingsarbeit im Bistum Aachen

Zusammen kochen und miteinander reden schafft Verständnis und gegenseitiges Vertrauen. Im Rahmen der „Save me“-Kampagne wird in Aachen einmal im Monat miteinander gekocht.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 43/2014

Willkommen in Deutschland!

Mit viel Engagement helfen Ehrenamtliche im Bistum Aachen Flüchtlingen bei einem Neustart

Die bewaffneten Auseinandersetzungen in der Ukraine, Afghanistan oder Syrien haben auch für die Gemeinden im Bistum Aachen Auswirkungen: Immer mehr Menschen flüchten aus den Krisengebieten.

Wer den Weg bis hierhin schafft, hat oft nur noch sein Leben und ist auf Hilfe angewiesen. Die Nachricht hat die Vertreter des Heimatvereins und des Tischtennisvereins auf die Barrikaden gebracht: Die Stadt Korschenbroich wollte in der Turnhalle des 550-Einwohner-Dorfs Lüttenglehn 14 Flüchtlinge unterbringen. „Wir verlieren mit der Turnhalle unsere Heimat“, ist das Argument des Heimatverein-Sprechers in Interviews. Angesichts des Schicksals der Flüchtlinge klingt das zynisch.

Eine solche Gegenwehr gegen die Aufnahme von Flüchtlingen kann Hildegard Hüring nicht verstehen. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich die vierfache Mutter in Würselen dafür, Asylsuchenden das Gefühl der Sicherheit, des Willkommens und die Möglichkeit des Neustarts zu geben. Dafür öffnet sie auch ihr Wohnzimmer, wo sie mit Deutschkursen für die Flüchtlinge angefangen hat. „Die Menschen, die zu uns kommen, sind keine Touris-ten, die sich eine Reise nach Deutschland ausgesucht haben“, sagt die Gründerin des Arbeitskreises Flüchtlingshilfe Würselen. „Sie sind in einem kleinen Boot über das Mittelmeer gekommen oder zu Fuß durch Wüsten gegangen. Lampedusa ist auch bei uns.“ Bei ihrer Arbeit wurde auch Hüring immer wieder mit Vorbehalten, gespeist aus diffusen Ängsten, und offener Fremdenfeindlichkeit konfrontiert. „Da gibt es nur einen Weg: die Menschen kennenzulernen“, ist ihre Erfahrung.

 

Laien geben Deutschkurse für Kinder und Erwachsene

In den Gemeinden des Bistums Aachen gibt es viele Initiativen, in denen Ehrenamtliche versuchen, Flüchtlingen einen Neustart zu erleichtern. Laien bieten Deutschkurse für Kinder und Erwachsene an, es werden Kleider und Haushaltsartikel gesammelt, Ausflüge und Spielnachmittage für Kinder und Erwachsene organisiert. Weil die Kommunen mit dem immer schneller anwachsenden Flüchtlingsstrom überfordert sind, ergreifen immer mehr Menschen selbst die Initiative und bieten den Stadtverwaltungen ihre Hilfe an.

 

Räume zur Unterbringung von Flüchtlingen gesucht

Ulrich Clancett, Regionaldekan der Region Mönchengladbach, ist an die Kirchengemeinden in Mönchengladbach, Korschenbroich und Jüchen herangetreten und hat sie aufgefordert, eventuell leer stehende Kirchenräume für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Die Idee zu dieser Aktion entstand am runden Tisch für Flüchtlinge, zu dem Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchen sowie Sozialverbände und Vereine aus der Region gehören. Seinen Brief hat Clancett mit „Herbergssuche für Flüchtlinge“ betitelt. Der Caritasverband der Region Mönchengladbach hat sich bereiterklärt, den Gemeinden bei der Vermittlung der Räume an die Stadt zu helfen. Initiativen und Hilfen zur Unterbringung und Integration von Flüchtlingen werden von den Kommunen mittlerweile dankbar angenommen. Das hat auch Ulrike Minkenberg erfahren. Die Hückelhovenerin hat in einem Zeitungsartikel gelesen, wie sich in Essen Bürger gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft gewehrt haben. „Nach dem Motto: Wir haben nichts dagegen, aber bitte nicht vor unserer Haustür“, sagt sie. „Das finde ich so doof.“ Vor allem, wenn man sich die Relationen ansehe: Auf 17000 Einwohner in Nordrhein-Westfalen komme ein Flüchtling, rechnet Minkenberg vor. Sie fragte sich, ob ein persönlicher Kontakt zu Flüchtlingen möglich sei.

 

Paten helfen Flüchtlingen durch den Alltag

Mit ihrer Idee der Patenschaften für Flüchtlinge traf sie bei den Verantwortlichen in der Hückelhovener Stadtverwaltung auf offene Ohren. Seit Januar diesen Jahres engagieren sich 25 Ehrenamtler, davon haben sechs Patenschaften übernommen, um alleinstehende Flüchtlinge und Familien durch den Alltag zu begleiten. Was gemacht wird, hängt vom Einzelfall ab. Den einen begleitet sie in die Stadtbücherei und besorgt einen Leseausweis. „Das System, dass man sich kostenlos Bücher ausleihen kann, kennen manche nicht“, sagt Minkenberg. „Viele Dinge, die für uns selbstverständlich sind, sind gar nicht in der Vorstellungswelt der Flüchtlinge.“ Auch ganz praktische Aktionen werden durchgeführt. „Eine Frau hat einmal gesagt, dass sie früher gern in ihrem Garten gearbeitet hat“, berichtet Minkenberg. Die Erlaubnis der Verwaltung wurde eingeholt, und schon konnten Paten und Flüchtlinge hinter der Unterkunft im Hückelhovener Stadtteil Kleinenbroich einen Gemüsegarten anlegen. „Das Projekt hat Vorbildcharakter und strahlt inzwischen weit über die Grenzen Hückelhovens hinaus“, sagt Pantea Dennhoven vom Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung Mönchengladbach und Heinsberg. „Das Engagement der Leute vor Ort ist sehr hoch.“

 

Flüchtlinge sind normale Menschen wie du und ich

Die Sozialpädagogin betreut die ehrenamtlichen Paten und hat für Interessierte eine Qualifizierung konzipiert, die den Engagierten hilft, sich in rechtlichen wie kulturellen Fragen besser zurechtzufinden. Auch bei Problemen finden die Ehrenamtler hier Hilfe und Unterstützung. Denn viele der Flüchtlinge sind traumatisiert und leiden unter dem Verlust ihrer Heimat und Familien. Koordiniert wird das Projekt von einer Ansprechpartnerin im Hückelhovener Sozialamt. „Die sind sehr kooperativ“, sagt Minkenberg. Wie wichtig die Kooperation mit der Stadt ist, weiß auch Ingeborg Heck-Böckler, Sprecherin der Save-me-Kampagne in Aachen. Unter der Federführung von Amnesty International und dem Katholikenrat werden im Rahmen der Kampagne seit fünf Jahren besonders schutzbedürftige Flüchtlinge, deren Aufenthalt dauerhaft ist, betreut. „Durch die Kampagne hat sich etwas verändert“, sagt Heck-Böckler. Zur Kochgruppe oder zum Stammtisch kämen jedes Mal auch Menschen, die sich informieren wollten, „wie das so ist mit den Flüchtlingen“. Viele lernten so, dass Flüchtlinge Menschen wie du und ich seien mit Träumen und Wünschen für eine sichere Zukunft.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 24.10.2014

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