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KFD St. Helena Mönchengladbach-Rheindalen lud zum Vortrag über Prävention ein

Doris Lappehsen-Lengler hat im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz die bundesweite Hotline zu Fragen sexuellen Missbrauchs mit aufgebaut.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 12/2014

Wie man Kinder vor Missbrauch schützt

Die KFD St. Helena Rheindahlen lud zum Vortrag über Prävention ein

Woran merkt man, wenn ein Kind sexuellem Missbrauch ausgesetzt ist? Wie kann man ihm helfen? Kann man vorbeugend etwas tun?

Auf Einladung der Katholischen Frauengemeinschaft in Rheindahlen (KFD hat die psychologische Psychotherapeutin Dorothee Lappehsen-Lengler erklärt, wie Täter vorgehen und wie man Kinder unterstützen kann. Gleich zu Beginn räumt die Referentin mit einem gern genutzten Verteidigungsargument der Täter auf: Wer selbst Missbrauch erfahren hat, wird nicht automatisch zum Täter. „Dann müssten viel mehr Frauen unter den Tätern sein“, sagt Doris Lappehsen-Lengler und verweist auf die Statistik der Kriminalpolizei von 2012. Denn während beim Missbrauch von Kindern (0- bis 13-Jährige) der Anteil der Mädchen bei 74,6 Prozent und in der Kategorie Missbrauch von Schutzbefohlenen (14- bis 18-Jährige) sogar bei 81,75 Prozent liegt, sind über 95 Prozent der Täter männlich.

Im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz hat Lappehsen-Lengler nach dem Aufdecken des Missbrauchs von Kindern durch Kleriker die deutschlandweite Telefon-Hotline mit aufgebaut. Die Fallbeispiele, die sie in ihrem Referat benennt, geben den Zuhörern nur eine Ahnung davon, was Kinder erleiden müssen. Schon die Zahlen der bundesweiten Polizeistatistik sind schockierend. 2012 wurden in Deutschland 14865 Kinder zwischen 0 und 13 Jahren Opfer sexuellen Missbrauchs. Dazu kamen 1005 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. „Und das sind nur die angezeigten Fälle“, betont Lappehsen-Lengler. Experten schätzen, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, und rechnen mit der fünffachen Zahl tatsächlicher Opfer. Zum Vergleich: 2012 verunglückten 27000 Kinder im Alter bis 14 Jahren im Straßenverkehr. „Das Risiko als Kind missbraucht zu werden ist also nicht gerade klein“, sagt Lappehsen-Lengler. Doch während die Kinder in der Verkehrserziehung lernten, die Gefahren im Straßenverkehr zu erkennen, würden sie auf die Gefahr des Missbrauchs nicht vorbereitet. Außerdem gebe es im ersten Fall ein gutes Rettungs- und Hilfesystem, im Bereich Missbrauch aber nicht.

 

Kinder müssen lernen, dass sie auch „Nein!“ sagen dürfen

Aber kann man eigentlich im Vorfeld etwas tun? „Missbrauch kann man nicht immer verhindern“, sagt Lappehsen-Lengler. „Aber wir können die Täter schon massiv in ihren Vorbereitungen stören.“ Der erste Schritt auf diesem Weg geht über die Kinder. Denn die müssen lernen, dass sie auch „Nein!“ sagen dürfen, wenn ihnen etwas unangenehm ist. Der nasse Kuss der Tante zum Beispiel. Doch nicht in jeder Situation kann einem Kinder-Nein gefolgt werden. Ausnahmen wie Untersuchungen beim Kinder- oder Zahnarzt sind genau definiert. „Da ist dann in der Regel die Mutter auch dabei“, betont Lappehsen-Lengler. „Sprechen Sie mit den Kindern offen darüber.“

Wichtig sei, den Kindern den Rücken zu stärken und ihnen klar zu sagen, dass man an ihrer Seite ist. Und sich selbst klar zu machen: Kinder können nicht mit jeder Situation allein fertig werden. Auch dann nicht, wenn sie Selbstverteidigungskurse besuchen. „Die Botschaft an das Kind lautet immer: Du bist nicht schuld. Der Täter ist schuld“, sagt die Expertin. Wird Missbrauch bekannt, reagiert das Umfeld oft geschockt. „Bei der Hotline haben verzweifelte Eltern angerufen und gesagt, dass sie nichts mitbekommen hätten“, erzählt Lappehsen-Lengler. Ein Grund ist die begrenzte menschliche Wahrnehmung. „Was wir nicht erwarten, sehen wir nicht. Wir haben eine sehr selektive Wahrnehmung und Missbrauch ist nicht so offensichtlich.“ Oft seien die Täter Sympathie-Träger. Eine solche Tat passt da nicht ins Bild.

 

Die Täter bereiten den Missbrauch lange vor – dabei kann man stören

Zudem bereiten die Täter die Tat vor und testen die Reaktionen ihrer Opfer. Grenzverletzungen wie flüchtige Berührungen am Po, die wie zufällig wirken, gehören dazu. Gehören die Kinder zu einer Gruppe, schaffen die Täter Gelegenheiten, mit ihnen alleine zu sein. „Wenn so etwas vorkommt, kann man hellhörig werden“, sagt Lappehsen-Lengler. „Warum will ein Erwachsener mit einem Kind alleine sein?“ Auch wenn Kinder Zuwendungen und Privilegien erhalten, die der Rest der Gruppe nicht bekommt, könnte das ein Warnsignal sein. Dass die Täter eine Straftat begehen, sei ihnen bewusst, betont die Psychologin. Um die Kinder zum Schweigen zu bewegen, arbeiteten sie mit raffinierten Tricks. Das reiche von Schuldgefühlen, weil die Kinder ja schließlich mitgemacht hätten, bis hin zu massiven Drohungen. Als Prävention empfiehlt die Expertin, den Mädchen und Jungen beizubringen, Klartext zu reden und genau laut zu benennen, was sie erleben, was ihnen unangenehm ist und was sie nicht wollen. Lappehsen-Lengler plädiert dafür, schon bei den Kleinsten mit der Prävention anzufangen. Denn schon Säuglinge gehören zu den Opfern.

Dabei ist nicht die vollzogene Vergewaltigung das Kriterium für einen Missbrauch. „Auch wenn der Täter vor den Kindern masturbiert, ist das eine Straftat“, stellt die Expertin klar. „Oder wenn er mehrere Kinder vernlasst, sich gegenseitig zu stimulieren und dabei zusieht.“ Wichtig ist, den Kindern klar zu machen, dass sie nicht alleine sind. Ein Instrument dafür sind Geschichten, die den Kindern Hoffnung machen und sie nicht ängstigen. „Die Kinder und Jugendlichen müssen wissen, dass sie nicht die einzigen sind, denen so etwas passiert“, sagt Lappehsen-Lengler. Gut geeignet seien Bücher wie das Bilderbuch „Schön blöd“ von Ursula Enders. Die Autorin ist Mitarbeiterin beim Verein Zartbitter in Köln. Die Prävention beginnt bereits auf den Schulhöfen. Denn ein Drittel der Täter seien Jugendliche, sagt Lappehsen-Lengler. „Es ist deshalb wichtig, null Toleranz zu übergriffigem Handeln zu zeigen“, betont die Expertin. Um sich zu wehren, dürften Kinder auch Dinge machen, die sonst nicht erlaubt seien. „Aber nur dann, das müssen sie wissen“, sagt Lappehsen-Lengler.

 

Die Verjährungsfristen beginnen erst ab dem 18. Geburtstag des Opfers

Das erste Ziel sei immer der Schutz der Kinder, als zweites Ziel benennt die Referentin die Heilung. Dafür ist die Bestrafung des Täters nicht zwingend erforderlich sein. „Das hängt von den Reaktionen des Kindes ab“, sagt die Psychologin. Auf jeden Fall rät sie dazu, vorhandene Spuren von Forensikern sichern zu lassen, damit sie später vor Gericht verwertbar sind. Auch die Täter lieferten oft Beweise, weil sie ihre Taten fotografieren oder filmen. Mit einer Anzeige können sich die Opfer Zeit lassen. Denn die Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch ist zehn Jahre, in schweren Fällen 20 Jahre – gerechnet ab dem 18. Geburtstag des Opfers.

 

Zitiert

"Kinder sind nie schuld an dem, was ihnen passiert. Die Erwachsenen sind die Täter – die sind schuldig."

Doris Lappehsen-Lengler, Psychologin


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 21.03.2014

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