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Die Mönchengladbacher Gemeinde St. Michael in Holt lud Flüchtlingskinder zu Ferienspielen ein

Um die Wette Schubkarre fahren und laufen: Bei den Spielen werden Vorurteile abgebaut und Grenzen verschwinden: Alle sind mit viel Spaß dabei.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 42/2014

Viele Vorurteile spielend abbauen

St. Michael Holt lud Flüchtlingskinder zu Ferienspielen ein

Wie nehmen wir Flüchtlinge auf? Wie gehen wir mit den fremden Menschen in unserer Nachbarschaft um, die nicht unsere Sprache sprechen? Wie können wir ihnen helfen, hier Fuß zu fassen?

Diese Fragen stellen sich dieser Tage viele Menschen in den Gemeinden. Auch Eva Vaßen hat das getan. Mit ihrem Team hat die Leiterin der Jugendfreizeitstätte St. Michael Holt Kinder von Flüchtlingen zu den Herbstferienspielen eingeladen. Der Lautstärkepegel ist hoch: Schon am Eingang hört man, wo die Ferienkinder stecken. Also die Treppe hinauf. In dem Raum am Ende des Ganges, dort, wo die Herbstsonne so schön hineinscheint, sitzen sie: 27 Kinder und drei ehrenamtliche Betreuer. Gerade wurde das Frühstück beendet, die letzten Scheiben Wurst, Käse und Äpfel werden gerade verteilt. Der letzte Tag der Herbstferienspiele in der Jugendfreizeitstätt St. Michael Holt hat begonnen.

In diesem Jahr bergen die Ferienspiele in Holt eine kleine Besonderheit: Unter den 27 Kindern sind acht, die mit ihren Eltern aus ihrer Heimat flüchten mussten. Manche haben eine regelrecht Odyssee hinter sich gebracht, ehe sie mit ihren Familien schließlich in Holt angekommen sind. Dabei haben sie am Ende Glück gehabt: Sie leben nicht in einer der Flüchtlingsbaracken in Mönchengladbach, sondern in Häusern in der Nähe der Jugendfreizeitstätte. Dort ist Eva Vaßen hingegangen und hat die Kinder zum Mitmachen eingeladen.

Den Kontakt zu den Familien hat Peter Richter hergestellt. Richter ist Mitglied im Arbeitskreis Flüchtlinge Rheindahlen. Kinder von Flüchtlingsfamilien mit einzubinden, ist für Eva Vaßen selbstverständlich. „Wo können sie besser Deutsch lernen als hier?“, fragt die Leiterin der Jugendfreizeitstätte St. Michael. Zudem können so Vorurteile und diffuse Ängste vor dem Fremden auf beiden Seiten abgebaut werden.

 

„Das sind Flüchtlinge? Das kann nicht sein, die sind doch ganz nett“

„Das sind Flüchtlinge? Das kann ja gar nicht sein, die sind doch ganz nett.“ So einen Satz haben die Betreuer in dieser Woche öfter gehört. Er offenbart, dass auch Einheimische erst lernen müssen, mit der Situation des Flüchtlingszustroms umzugehen. Wer sich in der Gruppe umsieht, kann die Kinder aus den Flüchtlingsfamilien nicht gleich identifizieren. Sie haben ganz normale Sachen an und genauso viel Spaß in dieser Woche wie die anderen Kinder. Das Organisationsteam hat die Woche unter die Überschrift „Eine Welt“ gestellt. Fast jeder Tag hat mit einem guten Frühstück begonnen.

Danach wurde die Welt erkundet. Am ersten Tag mit beliebten Spielen aus verschiedenen Ländern – zum Kennenlernen. Am zweiten Tag ging es in eine Musikschule, um das afrikanische Trommeln auszuprobieren, danach haben die Kinder in einer Capoeira-Schule die brasilianische Kombination aus Kampfkunst und Tanz kennen. Mit einem Ausflug in den Tierpark Odenkirchen, gemeinsamem Kochen, Bastelstunden und einem Kinonachmittag verflog der Rest der Woche. Heute, am letzten Tag, machen sich die Kinder auf eine Weltreise. „So groß ist unsere Welt?“, staunt Amina. Die Sechsjährige ist mit ihrer großen Schwester Sofia hier. Die beiden stammen aus Tschetschenien. Ihre Eltern sind vor über fünf Jahren vor dem Krieg geflohen. Ihr Weg nach Holt führte über Österreich. Jetzt sitzt sie über den großen Atlas gebeugt und Eva Vaßen zeigt, wo Tschetschenien liegt, das Land, aus dem ihre Familie stammt. Amina ist ein munteres kleines Mädchen, sie geht offen auf die Menschen zu. Ihre dunklen Locken hat sie zu einem Zopf gepflochten, ihre Wange ziert ein buntes Pflaster. Ein ganz normales Kind.

 

Die Ferienspiele sind eine gute Gelegenheit, Deutsch zu lernen

Mojtaba macht dagegen einen stillen, ernsten Eindruck. Wenn man ihn anspricht, reagiert er unsicher. Er kann noch nicht so gut Deutsch, weil er erst seit sechs Wochen hier ist, mit seiner Mutter und einem Bruder. Der 13-Jährige ist aus Afghanistan gekommen. Die Ferienspiele sind für ihn eine gute Gelegenheit, Deutsch zu lernen. Zum Beispiel, wenn er mit den anderen in seiner Gruppe überlegen muss, wie sie einen menschlichen Knoten bilden, bei dem nur noch vier Füße den Boden berühren, und so auf die andere Seite des Raumes hüpfen. Mit diesem Spiel beginnt die „Reise um die Welt“, bei der die Kinder beliebte Spiele aus anderen Ländern kennenlernen.

Damit die Kinder aus den Flüchtlingsfamilien an den Ferienspielen teilnehmen können, haben Eva Vaßen und ihr Team Loom-Bänder und Figuren aus den bunten Gummibändern gebastelt, die sie auf dem Gemeindefest von St. Benedikt verkauft haben. „Nach den Sommerferien haben wir damit angefangen“, erzählt Eva Vaßen. Mit Erfolg: Die Bänder und Figuren fanden zahlreiche Abnehmer, die Finanzierung war gesichert. Dass Kinder und Jugendliche aus den Flüchtlingsfamilien auch in der Jugendfreizeitstätte St. Michael einen Anlaufpunkt haben, ist Eva Vaßen wichtig. „Es ist gelebte Integration“, sagt sie. Dabei ist sie auch gewarnt worden. „Einige haben zu mir gesagt, pass auf, da stecken Traumata dahinter“, erzählt sie.

 

Flüchtlinge entfliehen der Isolation, Einheimische lernen sie neu kennen

Bisher hat sie gute Erfahrungen gemacht. Zumal das Zusammensein für alle Vorteile bringt: Die Flüchtlinge kommen aus ihrer Isolation heraus, finden Anschluss und Hilfe in ihrer neuen Heimat. Die Einheimischen lernen die Menschen kennen und können so Vorurteile abbauen. Auch Mojtaba, der stille, ernste Junge, beginnt nach kurzer Zeit befreit zu lachen – wie andere Jungen in seinem Alter.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 17.10.2014

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