Kirche in der Region Mönchengladbach
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Initiativen im Bistum organisieren Deutschkurse für Flüchtlinge

Was sch, st, sp und ch voneinander unterscheidet, zeigt Cora Straßburger an der Tafel.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 16/2015

Mehr als nur Vokabeln lernen

Mit Deutschkursen helfen ehrenamtliche Initiativen im Bistum Flüchtlingen, sich zurechtzufinden

Die Sprache ist der direkte Weg zum Verständnis einer fremden Kultur. Flüchtlinge, deren Asylverfahren noch schwebend sind, haben keinen Anspruch auf einen Deutschkurs. So sind sie von der Gesellschaft ausgeschlossen. Private Kurse schließen die Lücke. Ein Bericht aus Mönchengladbach.

Es ist eng in der kleinen Umkleidekabine. Wo Kinder sonst ihre Turnbeutel auspacken, ihre Schuhe unter die Bänke stellen und ihre Jacken an den Haken hängen, sitzen nun Syrer, Afrikaner, Chinesen und Kosovaren vor ihren Arbeitsblättern und lernen, was so alles in einen gemischten Salat gehört: Tomate, Gurke und Zwiebeln. Jeder wiederholt die Worte und hat dazu auf seinen Arbeitsblättern auch ein passendes Bild. Später werden die Frauen und Männer einkaufen gehen und zusammen Salate zubereiten. Das hat neben dem Lerneffekt noch weitere Vorteile: Es bringt Abwechslung in den Alltag der Flüchtlinge und ist Balsam für die Psyche.


Der SKM bietet Seminare für Ehrenamtliche an

16 ehrenamtliche Deutschkurs-Initiativen gibt es allein in Mönchengladbach. Inzwischen bietet der Katholische Verein für Soziale Dienste Rheydt (SKM) in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule eintägige Qualifizierungsseminare für Ehrenamtliche an, die Deutsch unterrichten wollen. Hier bekommen sie eine Einführung in die Grundlagen des Lehrens. Auch Lernmaterialien sind zentral abrufbar, damit nicht jede Initiative bei Null anfangen muss.

Hier in der Turnhalle der Förderschule leben 50 Frauen, Männer und Kinder, Bett an Bett, ohne Abtrennung. „Privatsphäre ist da nicht möglich“, sagt Susan Ossenberg-Engels, Diakonin der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde. Drei Mal pro Woche unterrichtet ein Kreis Ehrenamtlicher jeweils zwei Stunden Deutsch. Meist leiten zwei Lehrkräfte den Kurs. Während eine Kraft am Flipchart steht und auf die Bilder zeigt, kümmert sich die andere um diejenigen, die nicht richtig mitkommen. „Wir trennen nicht zwischen Anfängern und Fortgeschrittenen“, sagt Ossenberg-Engels. „Wer kommt, der kommt.“ Dabei geht es vielfach nicht nur darum, eine neue Sprache zu lernen. Es geht auch darum, ein wenig gesellschaftliche Teilhabe zu bekommen und Hilfe bei Alltagsproblemen.


Es geht auch um Teilhabe an der Gesellschaft

Die ist immer wieder nötig, wie Kerstin Jansen feststellt. Jansen organisiert und koordiniert in enger Kooperation mit der Stadt und mit Unterstützung des SKM und der Friedenskirchengemeinde Deutschkurse in einem Hinterzimmer an der Viktoriastraße in Mönchengladbach. „Es bleibt nicht beim Deutschunterricht“, sagt sie. Oft kommen Teilnehmer mit Schreiben von Ämtern, die sie nicht verstehen, oder sie brauchen Hilfe zum Schulbesuch der Kinder. „Es kommen immer wieder Fragen zu verschiedenen Themen“, sagt Jansen. Bei der Begleitung sind Jansen und ihre zwölf ehrenamtlichen Mit-streiter nicht auf sich allein gestellt. Der SKM bietet Qualifizierungen für Integrationsbegleiter an. Die haben oft einen ähnlichen kulturellen Hintergrund wie die Flüchtlinge und können so als Kulturdolmetscher bei Problemen helfen.

Das Auswahlverfahren für die Teilnehmer an den Sprachkursen ist bei jeder Initiative anders. Zu den Kursen in der Viktoriastraße werden die Teilnehmer von den städtischen Sozialarbeitern vermittelt. Jansen versucht, die Kurse dann so einzuteilen, dass die Teilnehmer möglichst dieselben Muttersprachen haben. So können sie sich bei Schwierigkeiten gegenseitig helfen. Auch reine Männer- oder Frauenkurse gibt es, genauso wie Kurse für Mütter, die ihre Kinder mitbringen müssen – alles ehrenamtlich.


Die Lehrer lernen auch von den Kursteilnehmern

„Da sitzen Leute aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten“, sagt Cora Straßburg. Seit Sommer 2014 leitet sie Kurse. „Von der Hausfrau über den Handwerker bis zum promovierten Wissenschaftler ist alles dabei.“ Die Menschen, die ihre Kurse besuchen, lernen nicht nur, sie bringen auch ihrer Lehrerin etwas bei. Straßburg kann schon erste Ausdrücke in Arabisch und Farsi. Und sie lernt, was Flucht bedeutet. „Man hört manchmal Geschichten, die einen nicht mehr loslassen“, sagt sie. Selbst zu fragen, wagt die 29-Jährige nicht. „Ich weiß ja nicht, was ich dann auslöse“, sagt sie.

Der Wunsch zu helfen, stand bei ihr, wie bei vielen Ehrenamtlichen, im Vordergrund. „Ich konnte nicht verstehen, dass Flüchtlingen die Teilhabe an der Gesellschaft verwehrt wird“, sagt sie zu ihrer Motivation. Eigentlich wollte sich die ehemalige Gymnasiallehrerin um Jugendliche kümmern. Doch schnell merkte sie, dass diese Zielgruppe durch das Schulsystem aufgefangen wird. Die Kurse sind vor allem für die Erwachsenen wichtig. Um ihnen das Lernen zu erleichtern, machen die Mitglieder der Deutsch-Initiative mit ihnen Ausflüge in die Stadtbibliothek oder in den Zoo.

Die Kursteilnehmer in der Viktoriastraße kommen aus allen Stadtteilen Mönchengladbachs. Das ist besonders für diejenigen wichtig, die in Privatwohnungen wohnen. „Die sind oft sehr alleine“, sagt Jansen. Die Deutschkurse bringen die Menschen zusammen. Und sie geben den Teilnehmern eine Perspektive. Auch im Flüchtlingsheim Bockersend werden regelmäßig Deutschkurse angeboten – mit großem Erfolg. Einige Teilnehmer sind so gut, dass sie zu den offiziellen Sprachkursen an der Volkshochschule zugelassen wurden.
Bis dahin ist es ein mühsamer Weg. „Ich habe keine Ahnung, was die Menschen wirklich verstehen“, sagt Ossenberg-Engels. Sie muss ihren Schützlingen beibringen, dass sie die Turnhalle räumen und in eine neue Halle ziehen müssen. Was sie dort erwartet, weiß keiner – auch Ossenberg-Engels nicht. Auch am neuen Standort wird der Deutsch-Unterricht fortgesetzt. Das gibt den Frauen und Männern ein wenig Stabilität in einer mehr als unsicheren Situation.

Wie wichtig es ist, den Kurs mit kleinen Exkursionen aufzulockern, zeigt der Abend. Beim Einkauf geht die Gruppe im Supermarkt durch die Obst- und Gemüseabteilung: Salatkopf, Zwiebel, Kräuter, Banane und Essig – die Vokabeln werden mit allen Sinnen gelernt. Mit vollen Einkaufstüten geht es in den Gemeindesaal, wo gemeinsam fröhlich geschnippelt, gerührt und abgeschmeckt wird. An den frühlingshaft gedeckten Tischen vergessen die Frauen, Männer und Kinder bei ausgelassener Stimmung mit Obstsalat und Pfannkuchen für einige Minuten, was sie bedrückt.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 15.04.2015

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