Kirche in der Region Mönchengladbach
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TaK und Gemeinschaft Sant'Egidio in Mönchengladbach überwinden Grenzen

Bekannte Gladbacher Künstler wie der Jazz-Trompeter Walter Maaßen (r.) geben Konzerte im TaK. Der Eintritt ist frei. Wer kann, lässt eine Spende, wer nichts geben kann, ist trotzdem willkommen. Niemand fragt danach.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 06/2016

Man schaut in ganz andere Gesichter

Wie kirchliche Initiativen Ausgrenzung in Integration verwandeln

Was ist Kirche? Ein Gebäude? Die Institution? Oder die Menschen vor Ort und ihre Taten? Initiativen wie der Treff am Kapellchen (TaK) und die Gemeinschaft Sant'Egidio in Mönchengladbach haben ihre Antworten darauf gefunden. Sie zeigen, dass gelebter Glaube sehr bewegend ist und Grenzen überwindet.

Der Mensch besteht aus Leib und Geist, beides will liebevoll behandelt und genährt werden. Sonst verkümmert der Mensch – jeder Mensch. Im Treff am Kapellchen soll das nicht passieren, deshalb gibt es jeden Monat eine Reihe von Veranstaltungen. Auch im Februar ist der Terminkalender voll: Dienstags ist Kulturzeit, mittwochs wird nach dem Abendgebet zum Abendessen eingeladen. Meist nimmt daran auch ein Gast teil, der über ein spannendes welt- oder gesellschaftspolitisches Thema erzählt. Donnerstags ist Workshop-Tag und freitags Kinotag, am Sonntag öffnet das Internetcafé. Dazu werden drei Mal in der Woche Gottesdienste angeboten. Jeder kann diese Angebote wahrnehmen – unabhängig von seinen Einkommensverhältnissen oder seinem gesellschaftlichen Status. Das Erstaunliche: Im TaK sitzt der Langzeitarbeitslose neben dem erfolgreichen Unternehmer, Menschen mit Suchtproblemen neben Bildungsbürgern. Alle reden miteinander. Wer zu welcher Gruppe gehört, interessiert hier niemanden.

Im vergangenen Dezember hat der TaK sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Die zweitägige Feier mit einer Jubiläums-Revue erzählte nicht nur die Geschichte dieses ungewöhnlichen Ortes, sondern offenbarte auch dessen Erfolgsgeheimnis. „Ich denke, es ist die unkonventionelle Art hier", sagt Sr. Bettina Rupp von den Steyler Missionarinnen. Die Ordensschwestern führen den TaK zusammen mit der Stiftung Volksverein. „Jeder kann hier einbringen, was er möchte und kann", sagt sie. Und mit den Jahren ist das immer mehr geworden: Langzeitarbeitslose entwickeln und inszenieren Theaterstücke, es gibt Vorträge von namhaften Gästen wie Sr. Karoline Mayer, Künstler der Stadt wie der Jazz-Trompeter Walter Maaßen kommen vorbei und geben Konzerte. Eintritt wird nicht verlangt, wer kann, lässt eine Spende da. Wer nichts geben kann, ist trotzdem willkommen. Niemand fragt danach.

 

Jeder hat das Gefühl, genauso viel wert zu sein wie der andere

Es sind gleich zwei Hemmschwellen, die im TaK scheinbar so mühelos überwunden werden: für die Begüterten, zu den „Armen" zu gehen und für die „Armen", denen hier die Türen geöffnet werden. Wie schafft das TaK-Team das? „Zum einen sind die Menschen hier unkonventionell", sagt Sr. Bettina. „Zum anderen herrscht ein Ambiente, das den Gutbürgerlichen nicht vermittelt, nun in eine andere soziale Welt einzutauchen." Für diejenigen, die wegen Armut gesellschaftlich ausgegrenzt werden, ist gerade der Tagestreff ein externes Wohnzimmer, das sie selbst mitgestalten. Zudem gibt es keine bürokratischen Hürden, wenn sich jemand einbringen will.

Dieser Umgang auf Augenhöhe ist auch der Gemeinschaft Sant'Egidio wichtig. Sie schafft dafür immer wieder neue Orte. Jüngstes Projekt ist der Franziskus-Tisch in der Mensa des Krankenhaus Maria Hilf, der im September 2014 zum ersten Mal gedeckt wurde. Alle zwei Wochen treffen hier Menschen zusammen, um gemeinsam zu essen: Bildungsbürger, Akademiker, Flüchtlinge, Obdachlose, Frauen, Männer und Kinder. „Jeder hat das Gefühl, genauso viel wert zu sein wie der andere", bringt es Gabi Brülls, eine der Verantwortlichen der Gemeinschaft, auf den Punkt.

„Wie schön, dass ihr mit uns am Tisch sitzt und uns die Hand gebt", sagte eine obdachlose Frau jüngst zu ihr. Nicht den Bedürftigen, sondern den Menschen mit seinen Wünschen, Träumen und seinem Bedürfnis nach Zuwendung und Respekt zu sehen ist der Grundsatz bei Sant'Egidio. Das spiegelt sich in allen Projekten wider: In der Regenbogenschule spielen und lernen Schüler der Bischöflichen Marienschule mit Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen. „Einige dieser Kinder, die für die Regenbogenschule zu alt geworden sind, kümmern sich nun um die Frauen und Männer im Altenheim", erzählt Gabi Brülls. „Man merkt, wie sie über sich hinauswachsen, weil sie Wertschätzung erfahren."
Auch aus dem Flüchtlingsheim holt Sant'Egidio die Menschen raus zu Festen oder für Ausflüge. „Die machen mit, spielen Musik, singen und tanzen", sagt Gabi Brülls. Es lohne sich, sich um die Menschen zu kümmern. „Du siehst plötzlich in ganz andere Gesichter", sagt sie. Und schließlich geben ihre Schützlinge auch etwas zurück. Viele, die früher selbst Hilfe und Zuwendung bekommen haben, geben sie nun anderen.

 


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 03.02.2016

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