Kirche in der Region Mönchengladbach
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Im Wallfahrtsort Hehn fand besondere Aktion zum Jubiläum statt

Die Senioren vom Altenheim Hehn freuen sich, wenn sie mal etwas Neues ausprobieren können. Die Begegnung mit den jungen Künstlern haben alle genossen. Die Bilder werden bald die Wand im Seniorenheim zieren.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 43/2013

Kirche von einer anderen Seite

Mit einem großen Graffiti-Event brachte St. Mariä Heimsuchung in Hehn die Generationen zusammen

Eine Woche lang stand der Wallfahrtsort Hehn im Zeichen der Graffiti-Kunst. Unter dem Motto „Spray one World – Fair Pray, Fair Spray, Fair Play“ brachten fünf internationale Künstler christliche Botschaften auf die Wände der Turnhalle. Die Aktion führte Menschen zusammen – generationsübergreifend.

Ein Fall für Sr. Stefanie. Marie würde das Graffiti-Sprühen auch mal gerne ausprobieren. Aber die Grundschülerin traut sich nicht zu fragen. Schüchtern versteckt sich das kleine Mädchen hinter dem Rücken seiner Oma. Doch beim Graffiti-Event in der Gemeinde St. Mariä Heimsuchung Hehn wird niemand ausgeschlossen – auch die Schüchternen nicht. Sr. Stefanie Kallenborn nimmt Marie an die Hand, sie zieht ihr den Kittel gegen unerwünschte Farbkleckse über und erklärt, warum die Atemschutzmaske wichtig ist. Dann geht es los, Marie drückt auf den Sprühknopf. Mit feinem Strahl entsteht eine Sonne auf der Leinwand. Das umstehende Publikum applaudiert, Marie strahlt.

Eine Woche ist der Wallfahrtsort Hehn bei Mönchengladbach zum Zentrum der Graffiti-Sprühkunst und des grenzüberschreitenden „Wir“ geworden. Mit kj263 und Ami aus Düsseldorf, Binho aus Sao Paulo, Etnik aus Pontedera/ Italien und Worm aus Moskau sind fünf international bekannte Graffiti-Künstler nach Hehn gekommen, um die Turnhalle mit ihrer Kunst zu verschönern. Die Motive sind nach einer Projektarbeit der Bischöflichen Marienschule entstanden, in der Schüler der 10. Klasse die Themen nach dem Motto „Spray one World - Fair Pray, Fair Spray, Fair Play“ erarbeiteten.

 

Verschiedene Menschen kommen zusammen

„Zuerst musste ich schlucken, als ich hörte, dass in Hehn Graffiti gesprüht werden sollen”, sagt Weihbischof Johannes Bündgens. Auch ein geistlicher Würdenträger ist eben nicht gefeit gegen die Bilder illegaler Schmierereien vor dem inneren Auge. „Aber es stand ja ein Konzept dahinter“, habe er sich dann gesagt. „Es war ein Experiment, dessen Ausgang offen war.“ Zur Einweihung der neu gestalteten Turnhalle hat er sich das Gesamtkunstwerk angesehen und für gelungen befunden. „Kirche und Graffiti passen sehr gut zusammen“, ist auch die Erfahrung von Gemeindeschwester Stefanie Kallenborn.

Bei beiden gehe es um die Gemeinschaft, beide führen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Nationalitäten, Alter, mit und ohne Behinderung zusammen. Das hat sich in Hehn eindrucksvoll gezeigt: Gehbehinderte Senioren bugsieren ihre Rollatoren über die vom Regen aufgeweichte Wiese rund um die Turnhalle, um den Künstlern über die Schulter zu schauen. Jugendliche helfen ihnen, wenn sie stecken bleiben. Mütter kommen mit ihren Kindern spontan vorbei und versuchen sich an der Spraydose. Auch heftige Regengüsse halten die Besucher nicht davon ab, vorbeizuschauen. Wildfremde Menschen kommen über das Geschehen ins Gespräch. In Hehner Küchen wird jeden Tag gebacken, ein Team Frauen hat die Verpflegung von Künstlern und Besuchern übernommen. Letztere kommen zahlreich.

 

Senioren freuen sich wie Kinder auf das Sprayen

Inge Schönlau reibt sich vor Vorfreude die Hände. Die 76-Jährige ist mit einer Gruppe aus dem Altenheim gegenüber der Kirche gekommen. Die Senioren wollen ausprobieren, wie das ist, mit einer Sprühdose zu malen. „Darauf habe ich mich schon lange gefreut“, sagt die Rentnerin. Ihr Bild soll farbenfroh werden – ein Gegenstück zum grauen Oktoberregen, der an diesem Tag fällt. Als am zweiten Abend der Regen einsetzt, entschließt sich ein Helfer spontan, Planen zu spannen, unter denen die Künstler arbeiten können. „Mitten in der Nacht hat er mit seiner Frau daran gearbeitet“, erzählt Sr. Stefanie.

Wenn eine Hebebühne im matschigen Rasen stecken bleibt, kommt der benachbarte Bauer mit seinem Traktor vorbei und zieht ihn wieder raus. Anruf genügt. „Jeder hat mitgemacht“, freut sich Guido Ahrendt, vom Leitungsteam Pfarrgemeinderat. Zusammen mit Sr. Stefanie hat er das Graffiti-Event organisiert. Ziel war es, Kirche von einer anderen Seite zu zeigen und den Wallfahrtsort Hehn auch denen nahe zu bringen, die der Kirche distanziert gegenüber stehen. Dabei erwies sich die Turnhalle in Hehn als Glücksfall. Immer wieder kam es dort zu illegalen Graffiti-Schmierereien. Ein Ärgernis. Als Sr. Stefanie in einer Zeitung von einem Graffiti-Projekt an einer Mönchengladbacher Schule las, kam ihr die Idee für das Event. Sie suchte Kontakt zur Szene. „Das war für mich zuerst gar nicht so einfach“, erzählt sie. Wer die tatkräftige Ordensschwester der Vinzentinerinnen in ihrem Habit sieht, bringt sie kaum mit Graffiti in Verbindung. Schließlich lernte sie kj263 kennen, der die anderen Künstler zusammentrommelte.

 

Werte von Gemeinschaft und Frieden sind lebendig

„So eine Atmosphäre wie hier haben wir noch nicht erlebt“, stellt kj263 fest. Keine laute Musik, dafür viel Herzlichkeit. Schon im Vorfeld wurde klar, dass die Einstellung der Künstler gut zum Geist des Events passt: Sie bestanden darauf, umweltfreundliche Farben zu nehmen und die Werte von Gemeinschaft und Frieden, faires Miteinander und Respekt vor jedem Menschen werden bei den Künstlern hoch gehalten. In Hehn sind diese Werte sehr lebendig und nun auch dauerhaft auf die Wand gebannt.


Von Kathrin Albrecht

Veröffentlicht am 31.10.2013

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