Kirche in der Region Mönchengladbach
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Die Gedenkkultur verändert sich und neue Rituale entstehen

In der Brandts Kapelle erinnern Fotos an die Verstorbenen. Sie stehen auf einem Tisch, links vom Altar. So sind sie für jeden sichtbar.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 13/2016

Himmel und Erde vereint

Mit einer anderen Bestattungskultur verändern sich auch die Trauerrituale und das Gedenken

Im Gedenken an einen Verstorbenen kann dieser auf eine neue Weise lebendig werden. In den Grabeskirchen in Mönchengladbach zeigt sich diese Art der Auferstehung im Kontakt der Angehörigen untereinander. Im Treff am Kapellchen (TAK) haben sich eigene Rituale entwickelt.

Wer sich in eine der Grabeskirchen in Mönchengladbach setzt und das Geschehen dort still beobachtet, wird feststellen, dass es sich keineswegs um traurige Orte handelt. Sicher, der Anlass, warum diese Art Kirchen entstand, ist ein trauriger. Sowohl St. Elisabeth als auch St. Matthias wurden umgewidmet, weil sie sonst von den Gemeinden finanziell nicht mehr zu halten gewesen wären. Und auch die Anlässe der Nutzung, Tod, Trauer und Begräbnisse, lassen nicht gerade vermuten, dass es sich hier um einen lebensfrohen Ort handelt. Doch genau das ist der Fall: Besucher kommen schnell ins Gespräch, es wird über Verstorbene geredet, über das eigene Leben und ja, es wird sogar gelacht in den Grabeskirchen.

 

Dieser Ort verändert den Umgang mit der Trauer

Dieser Ort verändert den Umgang mit der Trauer. Auf der Suche nach den Gründen fällt als erstes auf, dass die Besucher hier schneller ins Gespräch kommen, als das auf einem Friedhof der Fall ist. Denn die Abstände zwischen den Grabfächern sind gering. Hinterbliebene zweier Verstorbener stehen praktisch nebeneinander, wenn sie die Gräber besuchen – selbst dann, wenn noch zwei oder drei Gräber dazwischen liegen. So wird schneller ein tröstendes Wort zum anderen gesagt. Man kommt in Kontakt. Hilfreich dürfte dabei auch sein, dass die Grabpflege in einer Grabeskirche wegfällt. Während sich Hinterbliebene auf einem Friedhof im wahrsten Sinne des Wortes beim Pflanzen von Blumen in ihre Trauer eingraben können, gibt es diese Möglichkeit in der Kirche nicht. Besucher können sich nicht in ihrer Beschäftigung verschließen, sind tendenziell offener, sich ansprechen zu lassen.

 

Die Verstorbenen nehmen weiter am Leben teil

Dass an diesen Orten Trauercafés entstanden sind, dass hier Diskussionen, Vorträge, Ausstellungen und Gottesdienste mitten unter den Verstorbenen stattfinden, verändert das Verhältnis zu den Toten. Sie nehmen auf eine andere Weise weiter am Leben ihrer Angehörigen teil, weil dafür Raum geschaffen wird. Wie wichtig so ein Raum ist, hat auch das Team im TAK in Mönchengladbach erfahren. Hier kommen Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen zusammen. Obdachlose, Arbeitslose, Unternehmer und Bildungsbürger sitzen bei Kulturveranstaltungen, in Gottesdiensten oder einfach am Kaffeetisch Seite an Seite.

Auch diese bunte Gemeinschaft hat in den zehn Jahren ihres Bestehens um so manchen aus ihrer Mitte getrauert. Zuletzt starb mit Edmund Erlemann der geistige Vater des TAK. Sein Tod und die Rituale, die die Frauen und Männer in ihrer Trauer entwickelt haben, hat auch einer breiten Öffentlichkeit gezeigt, dass Auferstehung erlebbar ist. „Gehen wir hoch zu Eddi“, sagt Schwester Bettina Rupp beim Interview. Eddi, wie Edmund Erlemann liebevoll von allen genannt wurde, ist nach wie vor gegenwärtig. Sein Wohn- und Arbeitszimmer hat sich auf den ersten Blick nicht verändert: Auf den Schränken stehen noch die Laternen, die die Mädchen und Jungen des benachbarten Kindergartens ihm jedes Jahr geschenkt haben. Auf dem Schreibtisch liegen Unterlagen, und sein Gehstock hängt am Regal. So, als würde er jederzeit wiederkommen.

„Wir haben diesen Ort zu einer Denkfabrik gemacht“, sagt Schwester Bettina. Das heißt, dass dieser Raum genutzt wird. Kleine Gruppen können sich hier zusammensetzen, um zu diskutieren und neue Aktionen zu entwickeln und zu planen. Edmund Erlemann stand dafür, den Armen zu helfen, entsprechend eines Leitwortes des von ihm mitgegründeten Volksvereins: „In alter Tradition neue Solidarität“. Hier sollen mit christlichen Impulsen Antworten auf die Nöte der heutigen Zeit gefunden werden. Nicht von oben herab, indem man über die Armen spricht. Sondern aus der Mitte heraus, indem man mit den Armen spricht, sie hört und sieht.

 

Viele Rituale sind ohne Absprachen entstanden

Die „kleinen Leute“, wie Edmung Erlemann sie nannte, spielten auch bei seiner Beisetzung eine wichtige Rolle. „Wir haben Eddi aus dem Krankenhaus abgeholt, und als wir hier ankamen, waren sofort ein paar Leute da, die ihn in die Kapelle getragen haben“, erzählt Schwester Bettina. Dort wurde er zwei Tage im offenen Sarg aufgebahrt, so dass alle Abschied nehmen konnten. Viele der TAK-Besucher traten an den Sarg heran, berührten Erlemanns Körper . Viele Rituale sind entstanden, ohne dass darüber vorher gespochen worden wäre. Zum Beispiel hat jemand die Treppe, die zu Erlemanns Wohnung führt, mit Verkehrshütchen (Leitkegel) abgesperrt. Daneben wurden Kerzen aufgestellt, so dass es nicht mehr möglich war, hinaufzugehen. „Wir haben die Kerzen stehen lassen. Irgendwann haben die TAK-Besucher sie wieder weggeräumt“, erzählt Schwester Bettina.

Der Trauer und den Ritualen Raum und Zeit zu geben, sei sehr wichtig. Besonders, wenn der Tod plötzlich eintrete oder die Begleitumstände besonders dramatisch seien. Zum Beispiel nach einem Suizid. Gerade wenn sich jemand das Leben nimmt, ist das für Angehörige belastend. Sie brauchen Raum, um offen darüber sprechen und sich verabschieden zu können. Im TAK werden Angehörige gestützt und wird der Verstorbenen in Gottesdiensten gedacht. Niemand wird vergessen, jeder wird genannt. Auf einem Tisch in der Brandts Kapelle, links neben dem Altar, stehen die Fotos der Verstorbenen.

 

Wenn man stirbt, zählen die Momente als Mensch

Auch ein Bild von Christiane steht hier. Sie war drogenabhängig. Obwohl sie einen Freund hatte und staatliche Hilfen bekam, war sie eine einsame Frau. Eines Tages rief sie aus dem Krankenhaus Schwester Bettina an, um ihr mitzuteilen, dass sie sterben werde. Beim Krankenbesuch bat Christiane sie und Erlemann darum, in einem Gottesdienst an sie zu denken. „Wenn man stirbt, dann zählen die Momente, in denen man sich als Mensch gefühlt hat“, sagt Schwester Bettina. „Dann braucht‘s diesen Ticken mehr.“ Was das ausmacht, hat sich nach Erlemanns Beisetzung gezeigt: Bei der Feier des zehnjährigen Jubiläums wurde ein Porträt von ihm aufgestellt. Die Gemeinde hat gesungen. „Es war eine Stimmung von tiefster Dankbarkeit und Hoffnung, dass er jetzt anders da ist“, sagt Schwester Bettina. „Das Bewusstsein, dass Himmel und Erde zusammengehören, ist gestiegen.“


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 22.03.2016

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