Kirche in der Region Mönchengladbach
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Langzeitarbeitslose aus Mönchengladbach verarbeiten ihre Erfahrungen in einem Theaterstück

Während der Probe wird noch ein Blick in das Textbuch geworfen.

Vollbild

 
 

 

Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 06/2014

Geschichten aus dem Leben

Im Gladbacher Theaterprojekt „Anderland“ verarbeiten Langzeitarbeitslose ihre persönliche Situation

Wie verändert Arbeitslosigkeit Menschen? Das Katholische Forum für Erwachsenen- und Familienbildung und der Volksverein sind diesen Fragen nachgegangen. Mit zwei professionellen Schauspielern haben Langzeitarbeitslose das Theaterstück „Anderland“ entwickelt.

Alles ist gut – noch. Elisa und Horst sind glücklich. Mit leuchtenden Augen erzählen sie, wie sie sich kennengelernt haben. „Am 14. August fragte er mich: ,Willst Du meine Frau werden?‘“, berichtet Elisa (Britta Weyers) und lächelt selig vor Glück. Der Alltag gestaltet sich gut, Horst (Helmut Wenderoth) bringt Elisa immer wieder Blumen mit. Alles ist Friede, Freude, Eierkuchen – bis die Arbeitslosigkeit in ihr Leben tritt. Rund 20 Langzeitarbeitslose, die derzeit in Maßnahmen des Volksvereins Mönchengladbach beschäftigt sind, haben sich an dem Theaterprojekt beteiligt. „Unser Ziel war es nie, dass die Arbeitslosen selbst auf die Bühne gehen sollten“, sagt Helmut Wenderoth, Schauspieler und künstlerischer Leiter des Krefelder Kresch-Theaters. Zusammen mit seiner Kölner Kollegin Britta Weyers hat Wenderoth die Rollen von Horst und Elisa übernommen.

Ihre Geschichte setzt sich aus den Erlebnissen der Langzeitarbeitslosen zusammen. So erzählen Horst und Elisa in ihrer fiktiven Geschichte die Geschichten von 20 realen Menschen. Im Saal des Volksvereins ist eine kleine Wohnung skizziert: Eine Stehlampe beleuchtet den gedeckten Tisch. Ein Strauß roter Rosen steht in der Vase. Gleich daneben ein Bett, dahinter steht eine Kommode mit Spiegel und ein Bild mit einem Segelschiff. Die weiße Einrichtung einer heilen Welt im Probenraum zu „Anderland“. Während sich Wenderoth und Weyers für die Probe umziehen, nehmen die anderen Beteiligten Platz. Die, um deren Geschichte es hier geht, sind nicht nur die Autoren des Stücks, sie sind auch die Regisseure. Nach dem ersten Durchgang in der Probe wird korrigiert, welcher Satz richtig ist, welcher falsch, wie sich Horst fühlt, wie Elisa reagieren könnte.

 

Ans Licht bringen, aber niemanden ins Licht zerren

Im Herbst vergangenen Jahres haben die Arbeiten zu dem Stück „Anderland“ begonnen. Die Idee war, die Situation der Arbeitslosen auf die Bühne zu bringen. Premiere sollte beim Neujahrsempfang der Arbeitslosen in der Mönchengladbacher Citykirche sein. „Die Arbeit war unheimlich intensiv“, zieht Teilnehmer Thomas Kessmeyer seine persönliche Bilanz. Denn Gespräche über die persönliche Situation der Betroffenen bilden die Basis des Stücks. „Diese Gespräche wurden mit jedem Treffen offener. Ein spannender Prozess war das.“ Um sich im Volksverein vorzustellen und eine Vertrauensbasis zu schaffen, nahmen Wenderoth und Weyers zu Beginn ihrer Arbeit an den Frühstückspausen im Volksverein teil. So kamen sie ganz unverbindlich mit den Frauen und Männern ins Gespräch. Nach und nach meldeten sich die ersten Interessierten, die sich an dem Projekt beteiligen wollten. Selbst auf die Bühne wollten die Frauen und Männer aber nicht.

„Das kann ich gut verstehen, und das ist ihr gutes Recht“, sagt Wenderoth dazu. „Wir bringen ihre Geschichten ans Licht, aber wir zerren niemanden ins Licht.“ Im Probenraum wendet sich gerade das Glück von Horst und Elisa. Die tägliche Routine von Arbeit, Freizeit und Schlafen, garniert mit kleinen Gesten der Zuneigung, wird zum grauen Alltag. Während Elisa noch als Bäckereifachverkäuferin arbeitet, sitzt Horst nach seiner Entlassung zu Hause und schickt Bewerbungen in die Welt. „Arbeit gesucht, nichts gefunden“, ist nun der Satz, der wie eine Endlosschleife aus seinem Mund in den Raum strömt. Die Bewegungen von Horst und Elisa werden immer fahriger, ihre Sätze immer hektischer. Nach jeder kurzen Szene fragt Wenderoth die Regisseure nach ihrer Meinung. Was ist so, wie sie es erlebt haben? Sind sie irgendwo zu identifizieren, und muss deshalb ein Satz geändert werden?

 

Die Geschichtenerzähler sind auch die Regisseure

So entwickeln sich Gespräche über den Umgang mit der Situation und über die Möglichkeiten, die einem zur Verfügung stehen, um eine Krise zu meistern. Von Resignation bis hin zum unerschütterlichen Optimismus und der Hoffnung auf ein Happy End reicht das Spektrum. „Ohne Möglichkeit des Happy Ends braucht man nicht weiterzumachen“, meint Anna Volovyk. „Man muss an das Gute glauben.“ Sie empfindet das Theaterprojekt als wunderschönes Erlebnis. „Alle haben ihr Inneres geöffnet, haben geredet und diskutiert.“ Auf der Probenbühne nimmt die Katastrophe derweil ihren Lauf. Während sich Horst vornimmt, die Beziehung zu Elisa wieder aufzufrischen und mit einem Neuanfang in glücklichere Bahnen zu lenken, bringt sie eine Hiobsbotschaft mit nach Hause: Sie wurde entlassen. Ein Backshop hat die Bäckerei, in der sie beschäftigt war, ruiniert.

 

Fünf Enden für eine verfahrene Situation

Das Ende des Stücks bleibt offen – oder auch nicht. Je nachdem, aus welcher Perspektive man es sieht. Denn die Teilnehmer haben sich gleich fünf Fortsetzungen ausgedacht. Vom Abbruch sämtlicher Brücken und einem Neuanfang an einem anderen Ort bis zum totalen Niedergang in die Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit reicht das Spektrum. Auch kleine Rache- fantasien haben sich die Geschichtenerzähler erlaubt: „In einer Nacht- und Nebelaktion fackeln Horst und Elisa den Backshop ab. Sie werden als Täter nie identifiziert. Ab und zu gehen sie an der Brandstelle vorbei, um zu schauen, ob der Brandgeruch noch in der Luft hängt“, liest Wenderoth aus dem Textbuch vor. Bei der Premiere in der Gladbacher Citykirche erntet diese Variante einige Lacher.


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 11.02.2014

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