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Das Frühförderzentrum Rheydt bietet Müttern von Behinderten Kindern eine Traumatherapie an

Ada ist ein ausgesprochen fröhliches Kind. Ihre Mutter Tarah Sayed freut sich, dass ihre kleine Tochter so putzmunter ist. Dabei hat auch geholfen, dass sie sich in der Therapie eine Auszeit nimmt.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 09/2013

Eine Auszeit von den Sorgen

Das Frühförderzentrum Rheydt bietet Müttern behinderter Kinder eine Traumatherapie an

Die Geburt eines Kindes ist ein freudiges Ereignis. Doch wenn das Kind zu früh oder behindert zur Welt kommt, überschattet die Sorge um sein Leben das Glück der Eltern. Für die Mütter ist diese Erfahrung traumatisch.

Die Traumatherapie des Frühförderzentrums Rheydt hilft den Müttern, mit ihren eigenen Gefühlen fertig zu werden.

Auf den ersten Blick ist Yusuf ein ganz normaler Junge. Wie andere Knirpse in seinem Alter stürmt er gerne durch die Wohnung, baut mit seinen Klötzen hohe Türme und lässt sie krachend einstürzen, isst Schokolade und probiert aus, ob die bunten, bewegten Bilder immer noch kommen, wenn er auf die Knöpfe der Fernbedienung drückt. Mit seinem Temperament und seiner Entdeckungsfreude hält der Zweijährige seine Mutter ganz schön in Atem. Erst wenn aus seiner Lunge das Röcheln kommt, merkt auch der Außenstehende, dass der kleine Junge eine ungewöhnliche Geschichte hat.
Yusuf kam bereits in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt. Seine Lunge war noch nicht ausgereift, eine Woche nach der Geburt wurde ein Herzfehler festgestellt, der Säugling musste operiert werden. Ein paar Wochen später hatte er eine starke Lungenentzündung und musste beatmet werden. In der Folge der Erkrankung sind die Stimmbänder des Zweijährigen gelähmt und der Kehlkopf ist verdickt. Neben seinem Kinderbettchen steht seitdem ein Sauerstoffgerät.


Die Sauerstoffmaske ist ständiger Begleiter

„In den ersten sechs Monaten haben wir die Atemmaske des Sauerstoffgerätes gar nicht abnehmen können“, erzählt seine Mutter Sevda Kahriman. Immer wieder kam es zu Atemaussetzern, auch in der Nacht. „Mein Mann und ich haben immer Angst gehabt, dass er stirbt“, sagt sie. Die Sorge um das Kind war von der ersten Sekunde an da, als sie das Baby das erste Mal nach der Geburt gesehen hatte. „Mein Mann und meine Mutter haben mir erzählt, dass das Kind groß sei und alles in Ordnung“, erinnert sie sich. „Sie wollten mich schützen.“ Doch als sie dann zum ersten Mal ihren kleinen Sohn in dem Inkubator sah, mit all den Schläuchen an seinem Körper und dem Beatmungsgerät, da war der Schock doch sehr groß. „Ich habe in der Zeit viel geweint“, sagt Sevda Kahriman.
Dass die 29-Jährige heute so frei über die Belastungen in den ersten Lebensmonaten ihres Sohnes sprechen kann, liegt auch an der Traumatherapie für Mütter mit Kindern mit Behinderungen und chronischen Krankheiten. „Es ist wichtig, Hilfe anzunehmen“, betont die 29-Jährige. „Und in der Gruppe wissen alle, wovon ich rede, wenn ich über meine Ängste spreche.“ Einmal im Monat treffen sich die Mütter in den Räumen des Frühförderzentrums Rheydt.
Die erste Hürde für die meisten der Mütter ist das Loslassen. „Die Mütter sind ruhiger geworden und haben gelernt, dass sie sich die eine Stunde in der Gruppe für sich nehmen dürfen“, beobachtet Anne Heistert, stellvertretende Leiterin des Frühförderzentrums. Während sich die jungen Frauen austauschen, wissen sie ihre Kinder nebenan gut betreut. Ein Zustand, der nicht selbstverständlich ist. „Vielen fiel es schwer, ihren kranken Kindern Grenzen zu setzen“, sagt Heistert. „Sie machen alles, damit es ihren Kindern gut geht. Die Kleinen waren die Chefs und haben immer versucht, sich durchzusetzen.“


Angst und Schuldgefühle lasten auf den Müttern

Der Druck der Angst um das Leben ihres Kindes, Schuldgefühle und die Sorgen um die Zukunft ihrer Tochter sind auch Tarah Sayed vertraut. Ada kam im Oktober 2010 statt am vorausberechneten Geburtstermin im Januar 2011 zur Welt. Bei ihrer Geburt wog sie unter 1000 Gramm. „Am zweiten Lebenstag kam es zu einer Hirnblutung“, erzählt die 29-jährige Mutter. Ada sei auf einem guten Weg der Genesung gewesen, als die zweite Hiobsbotschaft verkündet wurde: Die Ärzte fürchteten, dass sich bei Ada ein Wasserkopf bilden könnte. In ihren ersten 13 Lebensmonaten musste die heute Zweijährige 13 Operationen überstehen. Für die Mutter eine unerträgliche Zeit. Im Juni 2012 die nächste Diagnose: Ada hat Epilepsie.
„Niemand konnte mir helfen“, beschreibt sie ihre Gefühle. Ihr Mann, der ihr zur Seite stand, sei mit der Situation ganz anders umgegangen und habe sie zwar gestützt. „Aber ich konnte seine Reaktionen nicht verstehen“, sagt sie heute. Eine Situation, die auch Sevda Kahriman beschreibt. „Obwohl mein Mann die ganze Zeit da war und mir geholfen hat, konnte ich Nähe am Anfang nur schwer ertragen“, sagt sie. „Aber heute ist unsere Bindung enger als je zuvor.“ Eine Situation, die nicht alle Partnerschaften aushalten.
Geholfen hat Sevda Kahriman in dieser Situation auch, dass sie Hilfsangebote immer angenommen hat. „Das ist das wichtigste, dass man nicht alleine bleibt“, sagt sie. Schon im Krankenhaus hat sie die Intensiv-Kinderkrankenschwester Petra Kurt kennengelernt, die die Traumatherapie-Gruppe im Frühförderzentrum leitet.


Ein Problem, für das es keine Lösung gibt

Auch Tarah Sayed beschreibt die Hilflosigkeit in der Situation. „Als Eltern kann man letztlich nichts tun“, sagt sie. „Man steht vor einem Problem, für das es keine Lösung gibt.“ Auch im Gespräch mit den Ärzten ist diese Hilflosigkeit immer wieder spürbar. Die Diagnosen und Therapien, die die Ärzte vorschlagen, können von den Eltern kaum verstanden und beurteilt werden. Und Großeltern, Geschwister und Freunde, die den Müttern Mut zusprechen wollen, sind in dem Augenblick auch kaum eine Hilfe. „Ich war nur noch genervt, wenn mir einer gesagt hat, ich solle Geduld haben“, erinnert sich Sayed.
Neben den Ängsten um das Leben der Kinder begleitet die Mütter oft auch Trauer darüber, dass die Entwicklung ihrer Kinder verzögert ist. „Manchmal bin ich schon etwas traurig, wenn ich sehe, wie gesunde Kinder spielen können und Yusuf kann das nicht so“, sagt Sevda Kahriman. Mit Blick auf die Zukunft fragt sie sich, ob ihr Sohn je in der Lage sein wird, einen Regelkindergarten- und -schulalltag zu überstehen.
Aber jeder Fortschritt ist auch ein Grund zur Freude. Ada etwa kann mit ihren zwei Jahren noch nicht alleine laufen. Im Blitztempo krabbelt sie aber durch das Zimmer und zieht sich an Tischen und Schränken hoch. Bei ihrer Vorgeschichte sei sie auf einem guten Entwicklungsstand, freut sich ihre Mutter. „Die Ärzte waren sich nicht sicher, ob sie überhaupt jemals krabbeln könnte“, sagt Tarah Sayed. Auch diese Erfolgserlebnisse werden in der Traumatherapie-Gruppe gefeiert. „Wichtig ist, dass wir dort unter Gleichgesinnten sind“, sagt die 29-Jährige. „Wir haben irgendwie alle das gleiche Problem. Wenn diese Mütter zu mir sagen, ich solle Geduld haben, dann glaube ich das auch. Die wissen, wovon sie reden.“


Die Mütter der Gruppe wissen, worum es geht

Und wie sieht es nach diesen Erfahrungen mit dem Wunsch nach einem zweiten Kind aus? Da reagieren die Mütter ganz unterschiedlich. „Ich habe Angst, dass es nochmal zu einer Frühgeburt kommt und das Kind dann genauso krank ist wie Yusuf“, sagt Sevda Karhiman. „Ich weiß nicht, ob ich das schaffen würde.“ 

Für Tarah Sayed ist klar, dass sie noch ein zweites Kind bekommen will. „Ich möchte nicht, dass Ada alleine bleibt“, sagt sie. „Und ich möchte auch eine ganz normale Schwangerschaft und Stillzeit erleben.“

Liebe und Engagement für die Kinder als Fundament

Dass eine zweite Schwangerschaft ganz anders verlaufen kann, sehen die Frauen auch in der Gruppe. „Wir haben eine Frau, die ein zweites Kind bekommen hat“, berichtet Anne Heistert. Die anfäng-lichen Ängste haben sich mit dem Fortschreiten der Schwangerschaft als unbegründet erwiesen. „Mit jeder Woche war klar, dass es gut gehen wird“, erinnert sich Heistert. „Das Kind ist gesund, und die Mutter ist glücklich.“ Das Geheimnis jedes noch so kleinen Erfolgs ist für Heistert auch ganz klar zu definieren: „Die Mütter setzen sich mit großer Liebe und Engagement für ihre Kinder ein.“


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 05.03.2013

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