Kirche in der Region Mönchengladbach
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In Mönchengladbach trainieren Palliativbegleiter wie es ist, wenn im Alter wichtige Funkionen nachlassen

Ein Brot zu schmieren, wird mit eingeschränktem Sichtfeld und einarmig zu einer großen Herausforderung.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 08/2015

Ein Blick in die eigene alte Zukunft

Die Simulation des Alterns gehört zur Ausbildung für ehrenamtliche Senioren- und Palliativbegleiter

Wie das Lebensgefühl als Kind, Teenager oder Twen war, vergisst wohl kaum einer. Wie aber fühlt es sich an, alt zu sein? Angehende Senioren- und Palliativbegleiter des Caritasverbandes probierten es aus: Beim „Instant Aging“ alterten sie blitzschnell – und wechselten die Perspektive.

Um einen witzigen Spruch ist Günter Burgsmüller eigentlich nie verlegen. Aber jetzt hat er Stress: Der 64-Jährige hat sich Gummihandschuhe und eine Gewichtsmanschette angezogen. Eine teilweise beklebte Brille schränkt sein Sichtfeld erheblich ein. Vor sich hat Burgsmüller eine Tasse Kaffee, ein Stück Kuchen und eine kleine Dose mit Tabletten, die er einnehmen soll. Unsicher greift er die Tasse und führt sie zum Mund, bevor er versucht, mit der Kuchengabel ein Stück von der Torte zu ergattern. Noch schwerer fällt es ihm, die Dose mit den Tabletten zu öffnen und eine davon zu schlucken. Der sonst so fröhliche Mann wirkt sehr nachdenklich. „Das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt er.
Das ist der Sinn der Übung.

Günter Burgsmüller und die übrigen zwölf Frauen und Männer werden demnächst alte oder sterbende Menschen im Auftrag des Caritasverbandes ehrenamtlich begleiten. Während ihrer Schulung dafür erleben sie am eigenen Leib, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Kursleiterin Gabriele Drücker hat sich mehrere alltägliche Situationen ausgedacht – die Szene in einem Café, die Günter Burgsmüller ins Grübeln gebracht hat, ist eine davon. „Instant Aging“ nennt sie die Schulungseinheit, „sofortiges Altern“. „Im Alter lassen die fünf Sinne nach“, erläutert Drücker. Alte Menschen sehen und hören schlechter, das Tastempfinden ist eingeschränkt, die Kraft nimmt ebenso ab wie die Geschmackswahrnehmung. Die Teilnehmer erfahren das, als sie mit verbundenen Augen und zugehaltener Nase verschiedene Nahrungsmittel „erschmecken“ sollen. Sie stoßen an Grenzen, als sie mit nur einer Hand ein Brot bestreichen. Und sie merken, wie anstrengend das Zuhören sein kann, als Gabriele Drücker eine Geschichte vorliest, bei der Hintergrundgeräusche stören.


So fühlt es sich an, dement zu sein

Die Mitarbeiterin der Caritas belässt es jedoch nicht dabei, die körperlichen Einschränkungen im Alter zu simulieren. Die angehenden Senioren- und Palliativbegleiter sollen auf einem Blatt Papier einen Stern nachzeichnen – während sie in einen Spiegel sehen. Plötzlich läuft alles verkehrt. Die Hand macht einfach nicht das, was der Kopf ihr signalisiert. So ähnlich ergehe es demenziell veränderten Menschen, erklärt Gabriele Drücker. „Wenn man dement ist, bekommt man die einfachsten Dinge nicht umgesetzt. Die Betroffenen verzweifeln richtig, sie werden wütend, ängstlich, traurig.“ Genau das erleben die Schulungsteilnehmer am eigenen Leib, als sie versuchen, den Stern zu zeichnen.

Diese Station fand Günter Burgsmüller denn auch „am schlimmsten“. Er habe jetzt eine Ahnung, wie sich demente Menschen fühlten, wenn das Zusammenspiel zwischen Verstand und Körper nicht mehr funktioniere, sagt er. Renate Haase machte am meisten die Übung zu schaffen, bei der sie mit einer Hand ein Brot schmieren musste: „Ich wurde aggressiv“, berichtet die 65-jährige Unternehmerin. Demnächst wird sie ehrenamtlich todkranke Menschen und deren Familien unterstützen.Insgesamt 100 Stunden umfasst die Fortbildung des Caritasverbandes zum Senioren- oder zum Palliativbegleiter – der Vormittag, an dem sie plötzlich um viele Jahre älter wurden, wird den ehrenamtlich Engagierten noch lange im Gedächtnis bleiben.


Veröffentlicht am 18.02.2015

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