Kirche in der Region Mönchengladbach
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Bild eines Minaretts

Religiösen Fundamentalismus gibt es im Islam genauso wie im Christentum, allerdings sind die Erscheinungsformen unterschiedlich.

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Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 07/2012

Boden für Fanatiker

Diskussionsrunde zum Umgang mit Fundamentalisten

Sowohl im Islam wie im Christentum gibt es Fundamentalisten. Wie erkennt man solche Strömungen und was kann man dagegen tun? Diese Fragen wurden in einer Diskussionsrunde des katholischen Forums für Erwachsenen- und Familienbildung erörtert. Das Auditorium wurde besonders von jungen Lehrern geprägt.

Die Kennzeichen für Fundamentalismus sind gleich, unabhängig von der dahinter stehenden Religion, der politischen Anschauung oder einer anderen Ideologie. Ob die Beschränkung der Frauenrechte in arabischen Ländern oder das Leugnen des Holocausts durch einen Pius-Bruder: Beides sind Auswirkungen von religiösem Fundamentalismus. „Das hat nichts mit der Auslegung heiliger Schriften zu tun, sondern mit den Vorstellungen von Religionsfanatikern“, sagt Theologin Waltraud Baumeister-Hannen vom katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung.

Die Tendenz zum Fundamentalismus nimmt zu. „Vor zehn Jahren betrafen bis zu zwei Prozent aller Anfragen in unserer Beratungsstelle das Thema katholischer Fundamentalismus“, berichtet Herbert Busch, Leiter der Beratungsstelle für Religions- und Weltanschauungsfragen. „Heute liegt der Anteil bei 38 Prozent.“ Die Gründe für das Erstarken des Fundamentalismus sind vielfältig. „Das ist eine Reaktion auf die Zumutungen der postmodernen Gesellschaft“, sagt Busch. „Man muss sich selbst in Radikalität verantworten. Dazu trägt auch der Mythos bei, dass jeder seines Glückes Schmied ist.“ Die religionswissenschaftliche Forschung habe gezeigt, dass das besonders für den christlichen Fundamentalismus gelte. „Das deckt sich mit unseren Erfahrungen aus der Beratung“, sagt Busch.

Dabei ist der Nährboden, auf dem Fundamentalismus gedeiht, vielschichtig: Das ökonomische und politische Klima, die Bildungsverhältnisse und die Not des Einzelnen tragen dazu bei. „Fundemantalisten werben Leute, die damit eine Bedeutungsaufwertung und eine Verbesserung ihrer Situation verbinden“, weiß Busch. „Damit werden defizitäre familiäre Verhältnisse und Bildungssituationen kompensiert.“ Das gelte vor allem für den islamistischen Fundamentalismus.

Beim christlichen Fundamentalismus dagegen habe man es mit einer gekränkten Elite zu tun. „Hier spielt die Angst vor der Bedeutungslosigkeit eine Rolle“, sagt Busch. „Mit dem Rückgriff auf das Alte soll sie wieder hergestellt werden. Die Fundamentalisten sind gut gebildete Personen wie zum Beispiel Priester.“ Dabei sei der christliche Fundamentalismus nicht allein unter Katholiken zu finden. „Auch für die evangelische Kirche ist Fundamentalismus ein Problem“, weiß Busch.

Der zentrale Wesenszug jeder Form von Fundamentalismus ist, dass eine Tradition hervorgehoben und ausschließlich für richtig gehalten wird. Dabei kann sich diese Ideologie auf einen religiösen Führer konzentrieren oder den Schwerpunkt auf heiligen Schriften haben. „Das bedeutet eine wotwörtliche Übersetzung und Umsetzung der Schrift. So würde das ,Auge um Auge und Zahn um Zahn‘ im Alten Testament zum Aufruf zu Mord und Totschlag“, nennt Busch ein Beispiel. Auch die enge Auslegung des Koran, der islamistischen Fundamentalisten zu eigen ist, werde vom Islam nicht zwangsläufig vorgeschrieben. „Wie mir der Hodscha Adnan Özen in früheren Gesprächen gesagt hat, kann man auch mit dem Koran in einer progressiven, offenen Art umgehen“, sagt Busch.

 

Wie kann auf fundamentalistische Strömungen reagiert werden?

Besonderes Interesse im Auditorium, das zum größten Teil aus jungen Lehrern besteht, weckt die Frage, wie man fundamentalistische Strömungen frühzeitig erkennen und wie man damit im Schulalltag umgehen könne. Acht Eskalationsstufen zeigt Busch von der konservativen Position bis hin zum gewaltbereiten Fundamentalismus auf. Dabei verfestigen sich die Charakteristika des Fundamentalismus von Stufe zu Stufe. Antimodernes, antiwissenschaftliches, antidemokratisches und antisoziales Verhalten seien genauso typische Anzeichen wie die Orientierung an Lehrern oder geistigen Führern sowie Strömungen gegen Bildung, Aufklärung, die Freiheit des Einzelnen und die Pressefreiheit. „Dazu kommt die Unfähigkeit zu Dialog und Kompromiss“, sagt Busch. Das macht den Umgang mit Fundamentalisten schwierig.

Auch die fortschreitende Globalisierung fördert zurzeit den Fundamentalismus. Denn individuelle Gewalterfahrungen, wie sie zum Beispiel Bewohner des Gaza-Streifens täglich machen, die enge Vernetzung per Internet und eine persönliche Perspektivlosigkeit angesichts globaler Krisen sind ganz individuelle Risikofaktoren, die Fundamentalismus fördern.

Aber welche Gegenmaßnahmen sollten zum Beispiel Pädagogen in Schulen und Jugendheimen ergreifen? „Offen ansprechen“, rät Herbert Busch. „Damit den Prozess anhalten und sich klar positio- nieren.“ So könnten Lehrer ihren Schülern klar sagen, dass sie fundamentalistische Verhaltensweisen in ihrem Unterricht nicht dulden. „Zusammen mit den Schülern kann man das Thema dann bearbeiten und darüber sprechen“, sagt Busch. Dabei sollten die richtigen Fragen gestellt werden. Was erleben Jugendliche, die sich angesprochen fühlen? Was macht die Versuchung aus? Die Antworten können der erste Schritt zur Abkehr sein.

 


Von Garnet Manecke

Veröffentlicht am 20.02.2012

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