Kirche in der Region Mönchengladbach
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Erbärmdebild aus St. Vitus Mönchengladbach

Das Erbärmdebild aus dem 16. Jahrhundert wurde fachgerecht restauriert und findet im Münster eine neue Heimat.

Vollbild

 
 

 

Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 15/2012

Aus der Versenkung hervorgeholt

Über Jahrzehnte war das Erbärmdebild aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verschwunden

Wer Keller, Speicher und Scheune aufräumt, macht oft interessante Entdeckungen. Schon manches wertvolle Bild ist auf diese Weise gefunden worden.

Auch die Gemeinde St. Vitus in Mönchengladbach hat in einem Abstellraum einen kleinen Schatz gehoben: Ein Erbärmdebild aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Die Holzwürmer hatten mit den Jahren dem Holzrelief zugesetzt. Als Albert Damblon das alte Andachtsbild in einem Abstellraum oberhalb der Sakristei des Gladbacher Münsters fand, war es schon stark beschädigt. Das Gesicht war kaum noch zu erkennen, der linke Arm, der an den Handgelenken mit dem rechten Arm Jesu zusammengefesselt ist, war fast ganz aufgelöst. Die Farben des Bildes waren ausgebleicht. Auch die Dornenkrone war nur noch skizzenhaft vorhanden. Durch den Körper zog sich ein tiefer Riss.

 

Schon 1986 als verlorener Kunstbesitz bezeichnet

Das Holzbildnis, das den noch lebenden, aber schon mit allen Merkmalen des Gekreuzigten gezeichneten, Jesus zeigt, war schon lange vermisst worden. Bereits 1986 hatte der Historiker Hans Bange, Gründer des Gladbacher Münster-Bauvereins, dieses Erbärmdebild in seiner Schrift „Verlorener Kunstbesitz“ aufgeführt. Das Bildnis, das aus Linden- oder Pappelholz gefertigt wurde, stammt aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Dass das Holzrelief jetzt wieder in neuem Glanz erstrahlt und den Besuchern des Münsters präsentiert werden kann, ist der großzügigen Unterstützung der Mönchengladbacher Schützenbruder- schaften und dem Fachwissen von Ute Adolphs, Restauratorin des Museums Abteiberg, zu verdanken. Einen Totalschaden habe sie feststellen müssen, als sie das stark beschädigte Bildnis bekommen habe, sagt die Restauratorin.

Um den Befall mit den Nagekäfern, die in der Fachsprache „Anobien“ genannt werden, zu stoppen, wurde das Bild in eine Stickstoffkammer gestellt. So konnte sichergestellt werden, dass kein einziges Holzwurmgelege überlebte und nach der Restaurierung neue Schäden verursacht. Anschließend stabilisierte Adolphs den Rahmen und das Innenleben des Bildes mit Kunstharz. Die stark zerstörten Teile wie Dornenkrone, Gesicht und Arme ließ sie von einem Bildschnitzer rekonstruieren. Dafür dienten alte Fotos, auf denen Details des Erbärmdebilds sehr gut zu erkennen sind, als Vorlage. Die Farbfassungen hat die Expertin so restauriert, dass die Betrachter sehen können, dass hier mehrere Farbschichten aufgetragen sind. So ist die wechselvolle Geschichte des Werks über die Jahrhunderte hinweg auch heute noch greifbar.

Auf rund 1400 Euro netto hat Adolphs bei der ersten intensiven Begutachtung des Werkes die Kosten der Restaurierung geschätzt. Das Geld ist durch eine Spende des Bezirksverbands der Historischen Deutschen Schützen- bruderschaft Mönchengladbach zusammengekommen. Heute sind die Gesichtszüge des leidenden Jesus Christus und die Dornenkrone, die Nägelmale auf den Händen und die Wunde am rechten Rippenbogen wieder deutlich zu erkennen.

 

Aus den Trümmern geborgen und versteckt

Ursprünglich hing das Bild in einer Kapelle in Waldhausen. „Nach dem ersten Weltkrieg fuhr ein Lastwagen der belgischen Besatzungsmacht gegen die Kapelle und zerstörte sie“, hat Albert Damblon bei seinen Recherchen in der Historie herausgefunden. Ein beherzter Nachbar rettete das Bild aus den Trümmern der Kapelle. Danach verschwand es für einige Jahrzehnte, bis es Damblon in dem Abstellraum wiedergefunden hat. Seinen neuen Standort soll das Erbärmdebild in einer Nische nahe dem Nordportal des Münsters bekommen, wo es von jedem Besucher in Zukunft betrachtet werden kann.

 

Info

Als Erbärmdebild wird ein Andachtsbild bezeichnet, das den leidenden Christus mit Fesseln und Kreuzigungswunden, aber noch lebend und nicht am Kreuz hängend darstellt. Diese Art der Darstellung kam im 12. Jahrhundert in Konstantinopel auf und fand Anfang des 14. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachraum Verbreitung.


Von Garnet  Manecke

Veröffentlicht am 13.04.2012

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